Donnerstag, 28. September 2006

Sound Of Lagoon (Teil 2)

Ich stieg in einem Boot nach dem ich vorher eine volle Packung Sonnenblumenkerne gekauft hatte. Das Boot wackelte sobald ich da den Fuss reinsetzte und der Führer mit dem mächtigen Bauch und einem grauen Hemd dessen obersten 3 Knöpfe offen waren sich genötigt sah die Zigarette zum Mund zu führen um mir da reinzuhelfen. Der Rauch der Zigarette zwingte ihn ein Auge zuzukneifen. Ich sass also und sah dass in dem Holzboot auch zwei Paddeln verstaut waren. Hinterher erfuhr ich dass mitten in den Lagunen der Motor abgestellt werden müsse weil man sonst nicht weiter käme. Die Algen und die Wurzeln der verschiedenen Seeblumen würden den Motor beschädigen und wir würden dann irgendwann feststecken. Gut, dachte ich mir, gut dass wir die Holzpaddeln dabei haben!

Ich sass mich hin und der Typ mit schwarzen lockigen Haaren und den Grünen Augen fing an mit einem Paddel gegen die Betonmauer am Hafen zu drücken um das Boot weiter ins Wasser zu katapultieren. Nach dem wir uns ein paar Meter von der Mauer entfernt hatten schmiss er den Motor an und ab gings. Sehr Schnell, sehr erfrischend. Manchmal schlugen wir auf grosse Wellen die uns von der Seite erwischten und der Typ erklärte mir dass diese Wellen immer dann kämen wenn irgendwo aus mittlerer Entfernung irgendwelche Schiffe vorbeifahren würden. Das wären die Nachwellen die uns erreichten. Aha sagte ich während ich mich weiter mit den Sonnenblumenkernen beschäftigte.

Der Typ war abgesehen von seiner mächtigen Wampe ein gutaussehender Typ. Grade Nase, tiefgrüne Augen, dunkele und lange Augenlieder, dreitage Bart und männlich behaart. Seine Haut war dunkel aber man sah dass er mal eine ganz weisse Haut hatte. Generell sind die Nordiraner Hellhäutig und sehr oft Blau- oder Grünäugig. Er trug eine Casio Armbanduhr mit weissem Ziffernblatt und metallenen Armband. Irgendwie sah das lässig aus obwohl er nur ein einfacher Fischer war oder vielleicht auch grade deshalb. Wie auch immer.

Wir nährten uns mittlerweile den dichteren Teilen der Lagunen und somit musste die Geschwindigkeit verringert werden. wir fuhren mittlerweile sehr Langsam und in Schrittgeschwindigkeit durch die Lagunen. Die Sonne wurde langsam Orangefarben. Der Typ sprach nicht. Er schaute mich nicht mal an. Diese Leute sind ganz stolze Menschen, sie lachen die Touristen nicht an um ihnen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Nein, Unfreundlich sind sie auch nicht aber sie erledigen ihren Job sehr pragmatisch. Sie tun ihren Job, einen harten Job und bekommen ihren gerechten Lohn. So denken sie. Sie kriechen niemandem in den Arsch nur um etwas schmackhaft zu machen was in Wahrheit gar nicht schmecken würde. Die gefallen mir diese Leute.

Wir erreichten eine hängende Holzhütte mitten auf dem Wasser.

"Wollen sie ein bisschen Pause machen?" Fragte er mich und ich sah dass da seine Kollegen schon ihre Boote geparkt hatten und mit ihren Touristen ein Päuschen machten. Was mich erstaunte war dass die Holz- und Strohhütte sehr farbenfroh belichtet war und ich aus der Ferne schon die Musik hören konnte die dort abgespielt wurde. Je näher wir kamen merkte ich dass es sich um Lieder handelte die der vorrevolutionären Zeit angehörten und die Regierung sie mittlerweile strikt verboten hatte. Die ganze Sache fing an mir zu gefallen.

"Ja, lassen sie uns eine Pause machen. Können wir da was essen oder trinken?"

"Da können sie Trinken was sie wollen und Essen was sie möchten!" und ich sah zum ersten mal ein spitzbübisches Lächeln auf sein Gesicht. Ich lächelte zurück.

Wir kamen an und ich dachte ich wäre nicht mehr im Iran. Die Frauen sassen da ohne Kopftücher, die Männer spielten Backgamon und tranken Bier!!! Die einen tranken sogar den harten iranischen Rosinenschnapps!!

Mein Führer ging gleich rüber zu dem Barbetreiber und unterhielt sich in seiner Muttersprache. Sie lachten und rauchten während ich noch gar nicht fassen konnte wie der massen Locker und Frei es da auf der Hängebar zu ging. Ich sass auf einem Holzstuhl als der Barbetreiber zu mir kam und mich fragte ob ich was trinken wollte.

"Ja, ehm, was haben sie denn?"

"Was möchten sie denn?" Er lachte.

Ich lachte und erzählte ihm wie unglaublich ich das alles fand dass hier mitten im Wasser ein Bar Alkohol verkauft obwohl es strikt verboten sei.

"Die Wächter trauen sich nicht hierher und die die sich hierher trauen sind unsere Freunde die nur die Kleider der Revolutionsgarden tragen aber am Ende doch nur unsere Freunde sind. Willkommen in den Lagunen, hier herrschen andere Gesetze. Hier ist der Islam OUT!!

Ich lächelte und fühlte mich immer besser. Ich war enthusiastisch, ich fühle mich Sicher, ich fühlte mich in "meinem" Land, ein Gefühl das ich lange nicht mehr kannte.

"Ja bringen sie mir Bier und Rosinenschnapps."

Er zog an seiner Zigarette und machte auf den Absätzen kehrt während er locker grinste

Ich trank Tuborg aus der Dose, genoss den Sonnenuntergang, ich genoss die Sprache der einheimischen um mich herum, wurde besoffen, tanzte mit meinem Führer, lud alle ein auf ein Bier und eine runde Rosinenschnapps. Ich vergass meinen Kummer und dass ich eigentlich in einem diktatorischen Land war. Ich vergass dass ich für das was ich grade machte sogar getötet werden könnte.

Ich verlor allmählich das Gefühl für die Zeit und irgendwann mitten in der Nacht merkte ich dass die Gäste alle einer nach dem anderen wieder zurück zum Hafen fuhren aber ich kam nicht auf die Idee das selbe zu tun. Als ich dann doch wieder zum Hafen gefahren werden wollte, fragte mich der Bootfahrer ob ich nicht doch hier bleiben wollte!

"Wo? Hier?"

"Ja. Ich sehe sie sind aus Teheran, sie sind besoffen und in der Stadt müssten sie entweder Fahren wozu sie nicht in der lage wären, oder ins Hotel wo man sie vielleicht an die Polizei verpfeiffen würde. Sie haben sehr viel getruken und können ihen Zustand auch nicht gut verstecken!"

Ich lachte laut los und umarmte ihn. Meine Augen brannten von dem Rauch seiner Zigarette aber es war mir egal. Der Mann war einfach Genial, Cool und absolut Ehrlich. Sie gaben mir nordiranische Baumwolldecken als unterlage, Kissen wollte ich nicht. Sie machten die Musik aus und ich legte mich hin und fing an klar zu träumen obwohl ich absolut besoffen war. Ein leichter Wind wehte und die schwüle Hitze begann abzunehmen. Ein rundherum gelungener Tag. Der Himmel war voller Sterne und die Frösche sangen. Ich schlief ein und so tief wie ein Baby. Am nächsten Morgen liess ich mich zum Hafen fahren. Ich bezahlte dem Führer noch mal zusätzlich das 4 fache von dem was er schon von mir bekam und hatte noch immer das Gefühl in seiner Schuld zu stehen. Er steckte sich die Scheine einfach in die Hosentasche, machte sein Boot fest und ging in die Stadt um zu frühstücken. Ich lief wieder den Hafen entlang.

Bisschen Musik dazu? Wie wärs mit "Choices" oder "Snuggle Up" von Brian Bromberg? ;)

Teil 1

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