Montag, 4. Dezember 2006

Ein Tribut an die einfachen Momente

Es ist Kalt, windig, regnerisch. Im Bus sehen die Gesichter nicht besser oder schlechter aus als mein eigenes. Trübe wie das Wetter, Frauen mit nassen Kinderwagen die dabei geholfen werden wollen den Kinderwagen hoch in den Bus zu bekommen, die meisten nehmen die Bitte nicht mal richtig wahr. Ich auch nicht. Ich schau hin und schau wieder weg, ein euphorischer und bärtiger Obdachloser mit einer halbleeren Bierflasche in der Hand hilft der Mutter den Kinderwagen reinzubekommen, textet aber über der ganzen dauer der Fahrt die Frau dermassen zu dass man ihr vom Gesicht ablesen konnte dass sie es schon längst bereut hatte diesen Mann nach Hilfe gefragt zu haben. Ausser die Stimme des Penners, die automatischen Ansagen der Haltstellen, und ausser die trüben und nassen Gesichter die fast allesamt aus dem Fenster schauen damit sie bloss nicht mit den Blicken der anderen in Kontakt geraten, nichts anderes. Klar, Erich Remarque "Im Bus nichts neues" denke ich mir, weiss aber auch sofort dass es ein farbloser Vergleich war, aus purer lange Weile. Ich denke an Altgermanien, an die Allemannen, an die Bücher die ich über die Völkerwanderung der Sachsen und Gothen gelesen hatte. Mir fällt auf dass ich sehr oft an den alten Germanen denken muss wenn die Tage trübe sind und die Gesichter Geistlos und wenn ich mitten im Schnee und Regen manchmal durch die Wälder joggen gehe. Ich mag den Schlamm, ich mag die Kälte und die damit verbundenen melancholischen Gedanken. Die einen werden depressiv, ich werde ganz einfach wieder "ich", ich finde zu mir selbst. Im Winter passiet es oft dass ich völlig nass nach hause komme, die Hände zusammenreibe, und bevor ich anfange überhaupt die Kleider abzulegen, setz ich Wasser auf damit ich mir einen Kaffee machen kann. Mein Wasserkocher macht kurz bevor das Wasser zum kochen gekommen ist, die ganz typischen Geräusche: Er zicht und brodelt und manchmal pfeift er auch. Ich bereite schonmal meine Tasse vor: Ein gehäufter Teelöffel Kaffee und 2 würfel Zucker. Die Tasse wartet dann neben dem Wasserkocher darauf begossen zu werden. Bis das Wasser zum kochen kommt, stehe ich am Fenster und schaue raus, der Regen prasselt gegens Fenster und an den Seiten des Fensterrahmens rinnt das Wasser nur so runter. Es wird langsam Dunkel, ein paar Schwalben die bei mir unterm Dach ein Nest gebaut haben, kommen manchmal ganz dicht bis zum Fenster und biegen dann abrupt ab. Ich komm zu mir und merke dass das Wasser schon längst gekocht hat und ich so lange schon am Fenster gestanden und gestarrt hatte, dass ich mein Umfeld völlig vergass. Ich hörte nach ner weile nicht mal mehr das brodeln des Wassers, ich merkte nicht wie es wieder still wurde, ich muss also oft sogar das Wasser wieder zum Kochen bringen weil es schon nicht mehr so heiss ist wie ich es für den Kaffee brauche. Ich drehe mich um, drück den Knopf des Wasserkochers und merke dass ich in der Zeit wo ich weg war, nicht mal Nachgedacht habe. Ich hatte keine Gedanken, ich starrte einfach aus dem grossen Fenster hinaus in die Ferne. Für eine beachtliche Weile muss in mir nichts vorgegangen sein denke ich mir und fange an meine Jacke auszuziehen, merke aber dass das Zimmer Eiskalt ist. Ich lass die Jacke an und dreh die Heizung der Küche auf und gehe rüber zum Wohnzimmer und tu das gleiche auch dort, in der Zeit höre ich wieder das brodeln des Wassers. Ich giess das Wasser ein, geb etwas Milch dazu, und nehme mir vor die gleiche schöne leere wie eben, wieder zu erleben. Ich stell mich am Fenster und versuch einfach wieder leer zu werden und rumzustarren nur mit dem Unterschied dass ich eine Tasse Kaffee in der Hand halte und ab und an ein Schluck trinke. Es klappt nicht, die Tasse Kaffee lenkt mich ab, und generell merke ich dass diese Leere nicht auf Kommando einsetzt. Ich gebe es auf, nehme meine Tasse rüber zum Wohnzimmer, stell sie auf dem Tisch und fange an in meiner CD Sammlung nachzuschauen. Ich brauch in solchen Momenten nicht lange und schon habe ich die 5te Symphonie von Gustav Mahler in der Hand und lege sie auf. Ich schlafe ein, mit den Kleidern am Leib und mit der Hälfte des Kaffees noch in der Tasse.

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