Und sie verlangten Leben, und boten nichts (Teil 2)

Wir waren Stunden unterwegs und als ich die Front erreichte bekam ich es langsam mit Angst zutun. Ich war nur ein Kind zwar ein logisches und teilweise Starkes Kind aber noch immer nur ein Kind.
Die Alten und die Minderjährigen mussten am Anfang in der zweiten Reihe Hilfe leisten und Sanitätsaufgaben erfüllen. Das war Grausam genug. In den Zeiten wo unsere Stellungen 24 Stunden lang unter heftigen Feuerbeschuss waren und zwar aus der Luft und aus dem Boden, war der Anblick der Toten und Schwerverletzten Soldaten nicht unbedingt sehr hübsch. Da kamen Soldaten die in dem Kehlkopf getroffen waren und verbluteten, sie wollten reden aber kein Ton kam heraus stattdessen quoll Blut aus der Kehle, es kamen Soldaten die Bein und Hände verloren hatten und eine auf Stark machten und nach ner Zigarette fragten obwohl sie wie aus einem Wasserhahn bluteten und oft nach 5 Minuten starben.
Mir hatten sie einen khaaki farbenen Armeeanzug gegeben der Löcher hatte und 2 Grössen zu gross war. Granaten flogen über unsere Köpfe und überall waren die Sirenen der Krankenwagen zu hören. Wir hatten wenig waffen und sehr wenig Munition. Uns hatten sie aus der Zentrale mitgeteilt dass uns wegen der amerikanischen Embargo nur sehr wenig Munition zur verfügung stehen würden also sollten wir damit Sparsam umgehen. Sie verlangten Leben und boten nichts.
Unsere Soldaten waren demoralisiert, das irakische Feuer war unerbittlich und wütend. Wir hatten Ihnen ausser menschliches Fleisch nichts entgegenzusetzen. Wir hatten aber auch einige Verrückte die noch immer motivierten und teilweise bereit waren Nachts und nur mit 5 Kugeln in der Waffe die irakischen Lager zu überfallen. Grade diese furchlose Menschen haben meistens überlebt obwohl sie die grösste Gefahr auf sich nahmen.
Nachts schlief ich in ein Zelt mit einem alten um die 60 jahre alten Mann. Er redete nicht, er kam aus einem Dorf. Freiwillig. Nachts bekam ich komischerweise mehr Angst obwohl es nicht so Blutig und heftig zuging. Auch die Iraker machten in der Nacht ein bischen Pause. Darüber waren wir mittlerweile nicht mal mehr Glücklich weil wir am nächsten Morgen wieder die Hölle erwarteten. Nach ner Woche wurde ich sogar zum Front bestellt. Ich war mit 13 nicht mal der jüngste. Da war einer der war 11. Er hatte immer ein Koran bei sich und weinte wenn Granaten über uns herflogen. Ich war von hause aus unreligiös. Vom Koran und Islam hielt ich nichts, ich wusste nicht viel darüber aber ich verstand es einfach nicht wie ein Koran mich vor Granaten und Splitter beschützen könnte. Ich überlebte, der 11 jährige mit dem Koran unterm Arm wurde irgendwann mit 3 Granatensplitter in dem Hals und Kopf tot aufgefunden. Die Armen Eltern. Davon gabs Millionen.
Ich hatte sogar eine Waffe aber nur 3 Kugel! Wir wurden ständig zurückgedrängt und sollten die Stellungen soweit wie möglich verteidigen, aber mit 3 Kugeln?
Es vergingen 2 Wochen in denen ich kein Kontakt zu meinen Eltern hatte, später fand ich heraus dass die Guardisten meine Eltern nicht mal kontaktiert hatten. Mein Vater war wohl nach ner weile in die Schule gegangen um zu sehen warum ich nicht nach hause kam und als er mitbekam dass sie mich zum Front geschickt hatten, hatte er sämtliche Türen der Schule eingetreten und den vizedirektor, -ein Regimeanhänger- übelst zugerichtet. Man sagte mir dass er Tagelang bei uns an der Tür auf mich wartete und weinte, mit mir sprach und mich darum bittete wieder zurück zu kommen. Er wurde in der Zeit Krank und war kurz davor sich das Leben zu nehmen wenn meine Mutter nicht rechtzeitig interveniert hätte.
Am Front ging es seit 2 Wochen nur Rückwärts. Wir gaben immer neue Stellungen verloren und immer mehr altes und junges Frischfleisch kamen hinzu. Unausgebildet und demoralisiert. Am Front kämpften schon lange keine richtigen soldaten mehr sondern fast nur zwangsrekrutierte Fleischstücke.
Irgendwann habe ich beschlossen abzuhauen. Wir waren unorganisiert und ich dachte mir dass grade das Durcheinander mich tarnen könnte. So war es auch. Ich hatte Angst vor den Nächten die sehr Kalt und Glasklar waren. Ich beschloss einfach am Tag abzuhauen und dabei mich so normal wie möglich zu verhalten. Einfach mich von der beschäftigten Masse entfernen und mein Glück versuchen. Das klappte. Ich ging einfach grade aus, bis ich immer dumpfere Geräusche und immer weniger Menschen traf. Nach einer weile fand ich garnichts mehr vor. Keine Menschen, keine Autos. Ich hörte nur noch sporadisch Bomben aus der Ferne. Die gegend war Gebirgig und die Kuppel der Berge waren allesamt noch mit Schnee bedeckt. Kurdistan war kalt und verlassen. Ich erreichte eine einsame Strasse und empfand weder Müdigkeit noch Hunger obwohl ich nun schon 2 Stunden unterwegs war. Ich wollte per Anhalter nach Sanandaj die Hauptstadt Kurdistans. Da hatte ich mir überlegt dass ich meinen Vater irgendwie anrufen könnte und er würde dann her kommen oder irgedwas anderes organisieren. Ich fing an den Daumen hoch zu halten und zu bewegen, dann aber überfiel mich ein Gedanke: Meine Armeekleidung. Was wenn die Fahrer Regimeanhänger wären und merken würden dass ich ein Deserteur bin? Das war eingetlich ein kluger Gedanke. Ich zog mich aus bis auf ein Boxershort und ein T-Shirt. Nach einer halben Stunde hielt ein Lastwagen an und nahm mich mit. Der Fahrer wollte auch nach Sanandaj und hielt mir die Tür auf, ich hatte Angst und entschied mich dafür hinten zu sitzen und zu frieren. Der Typ kümmerte sich nicht darum. Bang, war die Tür zu und er fuhr los.
In Sanandaj hielt ich die Kälte nicht mehr aus. Ich zog die Armeekleider wieder an. Ich fühlte weder meine Füsse noch meine Hände. Alles war Blau.
Teil 1
Teil 3

7.3.06 19:19

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