Eine einzige Oberfläche

Ich sass immer in den Buchläden und liess mir immer sehr viel Zeit. Na ja, es gab auch Zeiten als ich ganz genau wusste was ich lesen wollte, also ging ich hin und langte gezielt nach dem Buch was ich haben wollte. In letzter Zeit aber gehe ich nach der Arbeit in dem Buchladen, schaue viel rum, nehme mir ein paar Bücher die mir zusagen könnten und setz mich auf einen der gemütlichen Beigefarbenen Couchs die dort stehen und lese mich rein in den Büchern und entscheide mich dann für eines.

Je länger ich dort meine Zeit vertrödelte, bekam ich nach und nach und mit der Zeit bestimmte Verhaltensmerkmale der Menschen mit. Ich fing an zu beobachten.

Was mir als allererstes auffiel war dass es so aussah als ob das männliche Geschlecht das lesen völlig aufgegeben hätte. Ohne zu übertreiben könnte ich sagen dass bei mehr als 90% der Buchinteressierten, es sich um Frauen handelte. Ich wurde selbstkritisch. Das erste woran ich dachte war: Kann es sein dass du mehr Zeit hast als die anderen? Kann es sein dass die anderen Männer hartarbeitende Familien Väter sind die dabei sind das Geld zu verdienen was ihre Frauen in dem Buchladen verpulverten? Diese altmodischen Gedanken verwarf ich aber rasch. Ich arbeitete auch hart -was auch immer man darunter verstehen mag- und ich ging immer erst ab 17 Uhr nach dem ich aus dem Büro kam zum Buchladen. Zweitens sahen die Frauen die ich dort an den Bücherregalen sah nicht so aus als wären sie Hausfrauen und hätten den ganzen Tag Zeit zum lesen. Die grosse Mehrheit dieser Frauen waren mit sicherheit Berufstätig. Das konnte nur ein Fehlverhalten der Männer sein! Diese stumpfsinnigen Männer!

Dann aber beobachtete ich weiter. Was lasen denn diese Frauen?

"Enschuldigung wo haben sie ihre Bestseller?" (!!!!)

Eine sehr beliebte Frage. Doris Dörie, Henning Mankell, Patricia Shaw, Rosamunde Pilcher, und die anspruchsvollsten sahen sich nach Paolo Coelho um!

So langsam fing ich an die Männer zu verstehen zumindest relativierte sich einiges in meinem Kopf. Bevor man nach kommerzgesteuerten Bestseller nachfragt, liest man lieber nichts. Einige bringen fast alle 6 Monate ein neues Buch und somit genauso oft ein Bestseller auf dem Markt. Da fragt man sich wieviel Inhalt drin stecken könnte. Ich habs versucht und fand bei den meisten nicht viel sinnvolles als Inhalt vor.

Um wieder zu den Männern zurück zu kommen muss ich sagen dass sie mich nach wie vor enttäuschen. Viele dackeln hinter ihren Frauen in den Buchläden und sind völlig desinteressiert. Einige schieben den Kinderwagen vor sich her und scheinen eher damit zurecht zu kommen das schreiende Kind zu beruhigen als sich für ein Buch zu interessieren.

"Schatz ich warte hier solange du nachem Buch suchst". Auch ein sehr beliebter Satz. Das Kind schreit noch immer und die Menschen schauen dezent rüber zum Vater, haften den Blick aber nicht lange auf ihn, damit er nicht das Gefühl bekommt sich schämen zu müssen. Man hat ja schliesslich eine gewisse Klasse und ist zivilisiert aber dann greift man nach Patricia Shaw und da muss ich immer grinsen.

Dostojewski, Maugham, Updike, Fante, Maupassant, Balzac, Hesse, Remarque, Chechov, Tolstoi, Wilde, Dickens, Hugo, Melville, Orwell, McCullers, Camus, Nabokov... etc. liegen dort völlig verstaubt während man meint zum kreis der besseren und zivilisierten zu gehören nur weil man regelmässig die Abenteuergeschichten von Pilcher und die kommerzialisierten Bestseller von Mankell und Follet liest.

Die Welt verdummt und keiner scheint es grossartig zu bemerken. Das liegt daran dass wir unaufhörlich dabei sind die Kunst des "Den Schein zu bewahren" zu perfektionieren.



5.8.06 14:33

Traurig, ja

Wenn es möglich wäre und darüberhinaus einen wirklichen Sinn hätte, würde ich diesen Blogeintrag positiv bewerten.

Letztens kam meine Mutter zu mir und erzählte - wissend, dass ich mich für Literatur interessiere -, dass in der Nähe ein neuer Buchladen eröffnet wurde. Und was für eine riesige Auswahl er anscheinend hat! Ich tat das Ganze mit einem nüchternen "Aha." ab, da mich eine riesige Auswahl an wahrscheinlich Kommerz-Büchern nur wenig interessiert.

Als ich noch ein regelmäßiges Einkommen hatte und öfters in Buchläden unterwegs war, mir den ein oder anderen Bukowski leistete, oder einfach nur nach Geheimtipps suchte, fiel mein Blick auf ein wunderschönes Exemplar von Pessoas "Buch der Unruhe". Inzwischen muss ich sehnsüchtig darauf warten, wieder Geld zu besitzen um mir dieses lang ersehnte Exemplar leisten zu können. Geld, das Andere für literarischen Unfug wie "Sakrileg" und dergleichen verschwenden...

Traurig, wie der Schein das Sein verdrängt....

Chinaski - 4. Sep, 22:32

Ich hab das Buch der Unruhe!!!

Es ist Genial. So voller Weisheiten, so voller portugiesischer Melancholie was man von diesem Seefahrervolk kennt...
Kann ich dir nur empfehlen. Wenn dus dir nicht leisten kannst, bin ich sogar bereit es dir zu kaufen. Meins geb ich nicht her.
Mannpferd (anonym) - 24. Nov, 16:48

o.O

Du würdest es mir kaufen? Aber dann bitte eine möglichst extravagante Ausgabe. Wie wär's hiermit: wir beschenken uns gegenseitig. Sobald ich wieder flüssig bin, werde ich mich hiermit revanchieren:

http://www.g-nussbaumer.com/schrift-bilder.htm

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