Post, Studium, Frau, Schlaf, Magen, Profesoren, Schichtleiter...

Meine Schicht begann um 22 Uhr abends und endete um 6 Uhr morgens. Ich hatte kein Auto und musste schon um 20 uhr aus dem Haus um noch rechtzeitig an der Arbeit -in der Briefniederlassung der frankfurter Post- zu sein. Meine Freundin lebte mit mir zusammen und machte mir die Hölle heiss. Sie wollte unbedingt ein Kind. Die Professoren machten mir die Hölle heiss weil sie von mir ständig Dinge verlangten die ich nur in einer normalen Verfassung hinkriegen konnte. Eines dieser Dinge war im Vorlesungssaal wach zu bleiben, später war er sogar damit zufrieden wenn ich nur nicht schnarchte.

Auf der Briefniederlassung war ich kommissionierer. Wenn irgendeine von den Polinnen, Russinnen, Griechinnen, Türkinnen... die an der Bande arbeiteten und gleichzeitig auch Codierten ausfielen durfte ich mich auch mal hinsetzen und die Briefe die von der Bande kamen codieren d.h nach Postleitzahlen sortieren.

Mit den Kollegen kam ich zurecht, abgesehen von einem mit dem ich mich erst schlagen musste damit er mich überhaupt als Mensch akzeptierte. Mit den Schichtleitern war es eine andere Sache. Es gab welche die den Arbeiter mimten. Mit denen kam ich zurecht obwohl ich wusste dass er nur so tut als ob er einer von uns wäre. Es gab aber auch einen der lachte nur und wollte Freund sein aber das tat er nur damit wir für ihn liefen. Daraus entwickelte sich unter den Arbeitern ein feines Wettrennen in sachen Schleimereien und sich beliebtmacherei. Damit hatte ich immer ein Problem. Daran scheiterte ich immer. Mittlerweile waren meine Menschenkenntnisse so gut dass ich teilweise sehr früh erkennen konnte wann ich mich mit wem in die Haare kriegen würde und warum. und zwar auch dann wenn es noch alles wunderbar lief.

Die Arbeitshose die ich trug war einige Nummer zu klein weil sie keine andere hatten und sie mich immer damit trösteten dass sie schon welche bestellt hätten und noch auf die Lieferung warten würden. Ganz einfach war die Sache mit der Hose aber nicht. Die sass so eng dass ich wie ein Vollmond in der Nacht auffiel sobald ich anfing in der Halle meine Runden zu drehen. Man sah grosse Beulen vorne an der Hose und ich dachte manchmal sie würden sogar die Ader meines Schwanzes noch durch die Hose sehen können. Ich bekam zwar sehr viel zuspruch aber das war eindeutig eine peinliche Situation und musste dringend verändert werden. Ich fing an als einziger keine Arbeitshose mehr anzuziehen.

Arbeitsschluss: 6 Uhr morgens. Völlig kaputt und müde kam ich raus und hörte die Vögel zwitschern. Meine Vorlesungen begannen um 8 uhr morgens also musste ich schnell den Bus erreichen damit ich so kurz vor 8 zuhause seien konnte. Oftmals sass ich im Bus und fuhr richtung meiner Wohnung, ich beobachtete ganz lethargisch die frischen und ausgeschlafenen Steuerzahler als mir aufeinmal jemand auf die Schulter Tipte.

"Hallo? Halllllooooo" Das war der Fahrer.
"Ach scheisse, entschuldigung, ich bin wieder eingeschlafen"

An diesen Tagen war die Uni Tabu. Da hätte es keinen Sinn mehr gemacht dort hin zu gehen. Wenn ich es schaffte nicht einzuschlafen kam ich dann nach hause, meine Freundin noch im Tiefschlaf merkte garnicht wie ich duschte, meine Tasche nahm und zur Uni rannte. Ich hatte es nicht weit bis zu Uni. 5 Minuten Fussweg.

Als Professor Schäfer uns die darstellende Geometrie erklärte und anfing mit seinen Linealen rumzuwerken, da war es meistens schon zu spät. Ich schlief meistens ein und wachte immer dann auf wenn ein Freund mir in die Seite stiess als Zeichen vom Ende der Vorstellung. In der Pause jedoch fühlte ich mich seltsamerweise immer richtig Munter.

Ich bekam Magenprobleme und stand kurz vor einer Vergiftung weil ich kaum schlief. Wenn meine Leiche nach hause kam, versuchte ich eine auf hart zu machen, ich tat so als wäre ich aus Stahl, ich wollte mit der Freundin was unternehmen, ich wollte sport treiben und ich wollte der Frau per Logik plausibel mache dass ich mir ein Kind never ever vorstellen könnte. Nicht jetzt und nicht in dieser Situation. Die Diskussionen nahmen zu, an der Uni lief es immer peinlicher und bei der Post begrüsste ich mittlerweile den Schichtleiter gar nicht mehr. Ich war völlig fertig. Kaputt. Krank. Müde. Demoralisiert. Vernichtet. Antriebslos.

Ich schmiss den Job und das Studium gleich mit und lief von meiner eigenen Wohnung weg und liess die Freundin dort auf mich warten. Eines Tages schnappte ich mir eine kleine Sporttasche und packte nur das nötigste ein. Meine Freundin wartete ab dann vergeblich auf meine Rückkehr. Ich war weg. Ich weiss nicht wie lange sie noch gewartet hat aber ich hab sie danach nie wieder gesehen. Von nun an schlief ich in Parks, in den Bankfilialen (ich bevorzugte die Dresdner Bank), in den Keller der Plattenhochbauten, in Telefonzellen, bei wildfremden Frauen...

Ich war dabei mich zu rehabilitieren...

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