Die kalte Wohnung und der müde Bison
Ich lag auf dem Boden und klebte an der Heizung, nur eine Decke unter mir, ohne Kissen. Draussen schneite es unerbittlich und der Wind schleuderte die Flocken wild hin und her. An dieser Art von Schnellfall war nichts romantisches. Es war Härte und Traurigkeit pur.
Vor 2 Wochen hatte ich sie im Irish Pub kennengelernt und nach einer einigermassen komischen Nacht in der ich bei ihr schlief und Morgens nicht mal wusste wo ich war, hatte ich irgendwann dann doch die Nummer gewählt die sie mir auf dem Tisch gelegt hatte bevor sie ihre Wohnung verliess. Ich schlief noch weiter auf den Strassen in Banken und Parks. Ich war abgehärtet, mir machte die Kälte nichts mehr aus. In den zwei Wochen die zwischen der besagten Nacht und der heutigen Nachmittag lagen, hatte ich wie ein kranker rumgevögelt. Ich hatte keine Bleibe also sorgte ich einigermassen erfolgreich dafür dass irgendeine Frau irgendwann sich bereit erklärte mich mit nach hause zu nehmen. Ich denke ich sprühte nur so vor Selbstbewusstsein obwohl materiell nichts hatte. Ob dieses Verhalten kranke Züge aufwies, das mag ich nicht zu beurteilen. Es kam mir aber entgegen.
Ich lag und las, das Zimmer hatte ich erst seit 2 Tagen bekommen. Es war nackt. Ich hatte ausser ein Herd, ein blau bemalten Tisch und zwei kleine Stühle nichts in dem Zimmer. Der Boden war frisch parkettiert also sehr kalt. Ich hatte nur einen alten CD-Recorder und meine Klassik-CDs. Der Vermieter ein dicker, asthma kranker Maler in den fünfzigern der allerdings mittlerweile erfolgreich eine eigene Firma gegründet hatte und tief ein und aus atmete, liess mich vor 3 Tagen in sein Büro und ich deckte ihn so ziemlich zu mit freundlichkeiten und liess ihn immer wieder wissen dass ich ein Student sei dem es finanziell gut gehen würde. Es war erstaunlich dass der Typ mir die amateurhaften Erklärungen abnahm. Vielleicht nahm er mir sie auch garnicht ab, nur er schien selber noch amateurhafter zu sein als ich. Ich kam raus mit nem Mietvertrag und wusste nicht ob ich seine Dummheit weiter ausnutzen sollte oder nicht. Ich war davon überzeugt dass er es gar nicht mitbekommen hätte wenn ich 2 Monate keine Miete überweisen würde.
Ich sass mittlerweile vor der Heizung und klebte mit dem Rücken noch immer an ihr. Sie kam rein und schaute sich um als wär sie ins All gekommen. Sie wusste nicht dass ich keine Wohnung hatte, sie wusste nicht dass ich eigentlich gar nichts hatte. Ich las die Karamazov Brüder von Dostojewski und hörte Franz Liszt. Sie kam, lächelte und hockte sich neben mir hin. Ich wollte das Reden ihr überlassen, ich erwartete eine Reaktion weil es einfach nicht das gewesen seien musste was sie sich vorgestellt hatte. Der Typ hat ja nichts, muss sie sich gedacht haben, nichts.
Ich schaute grade in der Luft und dachte grade daran dass es wirklich höchste Zeit wäre zum Urologen zu gehen weil ich all die Symptome der Tripper bei mir fühlen konnte. Allein der gelbe Ausfluss blieb aus. Ich konnte nicht richtig pinkeln, es tat weh und brannte. Während ich dachte, schaute sie mich von der Seite an.
"Wie gehts dir?"
"was? gut gut... ich glaube ich hab die Tripper"
"Waaas?" Sie lachte
"Nichts, bei mir brennt es wenn ich pissen will"
Sie küsste mich auf der Wange und sagte ich solle einfach mal zum Arzt gegen und mich untersuchen lassen. Es war vernunftig was sie sagte.
"Was ist das was du hörst?"
"Franz Liszt, wenn es dir nicht gefällt, ich hab auch Gustav Mahler und Bruckner..."
"Du bist eigenartig"
"Ja? Bin ich?"
"Ja das bist du absolut"
Manchmal dachte ich dass die leute glaubten mein Leben wäre ein gewolltes Abenteuer, oder ich wäre ein Trendsetter. Das ich am Rande des Existenzminimums rumkrebste kam niemandem in den Sinn. Je ärmer ich in an materiellen Dingen wurde, desto grösseren Eindruck hinterliess ich bei den Leuten ohne es zu wollen.
"Ich hab mich noch nie mit Klassik beschäftigt aber es gefällt mir, es ist melancholisch, du bist melancholisch und das Wetter da draussen schreit gradezu nach Melancholie. Tja was soll ich sagen, so wie ich hier neben dir sitze komme ich mir vor wie in den alten Filmen in denen zwei jüdische Verliebte, voller schmerzen nebeneinander sassen und aus dem Fenster schauten während sie nicht wissen konnten ob sie den nächsten Tag überleben würden oder nicht..."
"In meiner jetztigen Verfassung ist das was du mir erzählst zu romantisch Iris. Ich hab dich nach 2 Wochen angerufen und eingeladen damit du siehst wer ich tatsächlich bin bzw. wer ich nicht bin."
"Ich weiss immer noch nicht wer du bist, ich weiss nur dass du nichts hast"
Ich schaute sie an und nahm den Blick nicht von ihr weg.
"Willst du mit mir schlafen?"
"Ich hab wahrscheinlich Tripper Iris..." meine Stimme muss sich Müde angehört haben.
"Ich hab ne Kondome, da wird nichts passieren. Ich will dass du mich fickst. Hier auf dem kalten Boden, mit deinem kranken Schwanz" Sie lächelte und streichelte zärtlich mein Gesicht und meinen Hals.
Ich pumpte die ganze Nacht durch und Franz Liszt begleitete uns dabei.
3 Tage später ging Iris mit mir zum Urologen und es stellte sich herraus dass ich keinen Tripper hatte.
Wer war Iris?



Es war mehr der Duktus, den ich monierte.
Also, wenn dir Duzen lieber ist, dann habe ich kein Problem damit, werde aber dennoch in meinem Blog dabei bleiben.