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Lob des Müssiggangs

Verdammt müde, komme ich spät nach haus, mein Kopf ist meist schon sehr gefüllt mit Dingen die ich morgen erledigen muss, aber ich funktioniere, verdammt nochmal ich bin ein integrierter Part der Gesellschaft. Ja wirklich bist du Hank? Ja bin ich und ich scheiss darauf. Wer meint Müssiggang wäre schlecht hat entweder noch nie genug Gripps gehabt um anständig müssig zu gehen oder er hat sowas noch nie erlebt. Ausser im Bus, Auto, in der Pause oder am Wochenenden in den Parks hätte ich nie genug Zeit gefunden all das zu lesen was ich in meinem Leben bislang gelesen habe und das ist verhältnismässig verdammt viel.

Da kam mir auch eine 3 monatige Arbeitslosigkeit richtig entgegen. Ich schaltete ab, ich trainierte sowohl den Körper als auch den Geist, ich war wieder ein Mensch und nicht nur ein Sklave. Ich konnte Abends Sinatra und Williamson hören, Dostojewski, Bukowski und Fante lesen und dabei eine ganze Flasche Spätburgunder leeren ohne mir den Abend damit zu versauen ob ich den letzten Glas nun doch runterkippe oder es seien lasse. Am nächsten Tag musste ich nicht wieder funktionieren. Meine Haut wurde besser, meine Muskeln fühlten sich gut an, der Gang wurde wieder aufrechter, die Magenschmerzen verschwanden, mein Gehirn musste sich nicht mit scheissdreck des Arbeitslebens rumplagen...ich bekam die Ruhe die ich brauchte.

Diese Ruhe fehlt mir schon lange. Fuck it, ich zieh mir jetzt ein paar lieder von Sonny Boy Williamson rein und trink ne flasche Spätburgunger aus Bingen. Ehrlich fuck it...

Aber Morgen muss ich wieder funktionieren wie all die anderen sinnlosen Sklaven da draussen auch. Cheers!

Sonny Boy Williamson & Memphis Slim - Harmonica Blues
Pustekuchen (Gast) - 10. Okt, 20:40

aber jetzt mal ganz ehrlich, drei monate kann mans vielleicht noch aushalten, aber könntest du ein leben ohne arbeit wirklich akzeptieren? so einfach in den tag hineinleben, würde das auf dauer gut gehen, würdest du nicht nach einer zeit komplett durchdrehen, weil jeder tag dem anderen gleicht und du dir nutzlos vorkommst?

Chinaski - 10. Okt, 20:44

Ja leider bin ich auch ein Opfer unserer Werte. Ich würde mir nach einer längeren Zeit tatsächlich nutzlos und abgewertet vorkommen. Wenn die Menschen sich nicht so fühlen würden könnte ja keiner an ihnen verdienen. Übrigens die Arbeitstage ähneln sich in dem selben Grade wie die Tage an denen man nicht arbeitet. Dieses eine lass ich hier nicht gelten!

Cheers!
Pustekuchen (Gast) - 10. Okt, 20:56

meine arbeitstage nicht, jeder tag sieht anders aus und routine darf auf keinen fall eintreten, sonst läuft man gefahr einen tödlichen fehler zu machen. ich weiss nicht ob einem das gefühl unbedingt von der gesellschaft und wirtschaft aufgedrängt wird. es ist vielmehr ein von der natur gegebenes gefühl, der mensch hat schon immer einen arbeitsdrang gehabt, damals diente die arbeit zum puren überleben , was in manchen ländern heute noch der fall ist.

Cheers monsieur chinaski

sillerbetrachter - 10. Okt, 21:47

ein guter blues und eine flasche spätburgunder helfen kurzweilig. wenn du dich als sklave fühlst, solltest du vielleicht mal über eine veränderung der arbeit oder ein anderes selbstmanagement nachdenken? geht nicht immer, weiß ich auch. aber öfter gelingt es!

Chinaski - 10. Okt, 22:09

Blues und Spätburgunder helfen mir schon seit jahren. Da kann von der kurzweiligen Wirkung keine Rede sein. Beide Dinge sind einfach zu Genial. Musik und Wein, wenn mehr Menschen diese Dinge in ihrem Leben einbauen würden, könnten sie mit sicherheit ein besseres Leben führen.

Allerdings meine Liebe, ist die Situation nicht so dramatisch wie es sich vielleicht angelesen hat ;)

Wie Waterworld schon sagte, hat jeder mal die Phase wo er die Dinge so sieht wie sie sind. Man kommt runter auf dem Grund, man wird Existenzialistisch. Für mich hat die Sklavereisache mit Selbstmanagement und verbesserung der Lebenssituation nichts am Hut, ich bin Architekt und verdiene mein Geld nicht unbedingt hart. Die Sklaverei bleibt jedoch an uns haften, egal ob wir auf dem Bau oder im Büro unseren Lebensunterhalt verdienen. Das ist die pure Wahrheit was man aber gerne unterm Teppich kehrt damit man nicht verzweifelt. Das tu ich meistens genauso wie die anderen Sklaven auch nur es gibt dann auch Stunden da kann ich soviel verdienen wie ich will, da kann es mir finanziell noch so gut gehen, da kann ich die Wahrheit nicht länger unterdrücken.
sillerbetrachter - 11. Okt, 20:09

danke für die erläuterung zur dramatik des beitrags :-) aus philosophischer betrachtung möchte ich noch einflechten, dass es aus meiner sicht nicht *die wahrheit* als absolutes für jeden von uns gibt. das würde ein *richtig* oder *falsch* voraussetzen. dazu sind die menschen aber zu unterschiedlich in ihren befindlichkeiten. und das ist gut so :-)
pustekuchen (Gast) - 10. Okt, 21:54

chinaski die liebe ist die einzige erlösung im leben, finde die wahre liebe und du fühlst dich frei wie ein vogel , auch wenn du tag und nacht arbeiten musst..

Chinaski - 10. Okt, 22:11

Damit bin ich einverstanden, allerdings muss die Liebe nicht unbedingt zu einem Menschen sein. Du musst im Leben einfach Dinge finden in denen du dich verlieren kannst. Dann gehen die Tage die du zu verleben hast erträglicher zu ende.
flyhigher - 11. Okt, 09:02

Wenn ich da vielleicht kurz meinen Senf dazugeben und mit einem Liedtext von Whitney Houston antworten darf: LEARNING TO LOVE YOURSELF IS THE GREATEST LOVE OF ALL. Die Liebe zu anderen, und die Liebe zu den Dingen im Leben kommt automatisch, wenn man mit sich selbst im Einklang ist. Schwierig, aber machbar. Nicht immer, aber immer öfter!
Waterworld - 10. Okt, 21:57

Ab & an

fühlt sich jeder wohl so. Sehnsucht nach Ruhe und Entspannung.
Solange, bis einem die Entspannung keine Ruhe mehr lässt und man innerlich unruhig wird und sich nach einer Tätigkeit sehnt.

Chinaski - 10. Okt, 22:12

Exakt. Der Mensch sehnt sich immer nach Dinge die er grade nicht hat. Es gibt Menschen die Sehnen sich sogar nach einer Krankheit wenn sie lange nicht mehr Krank waren.
Ben (Gast) - 10. Okt, 22:24

Der

Mensch schätzt die zufriedenen, glücklichen Stunden meistens erst später.
Oft erst viel später.
Noch öfter zu spät.
Chinaski - 10. Okt, 22:40

Da ist was wahres dran. Als ich mitten im Winter in den Parks und Banken schlief, konnte ich die guten Seiten solch eines Daseins noch nicht so richtig abschätzen. Jahre vergingen und ich begann veränderungen feststellen die positiv waren. Körperlich war ich stärker, nach dem ich fast den ganzen Winter auf der Strasse schlief bekam ich nie mehr eine Grippe, mental konnte mich keiner mehr unter kriegen, ich hatte eine Form der Freiheit erlebt, hatte verhältnissmässig harte Zeiten recht gut gemeistert, alles Situationen die mir mein Selbstvertrauen dermassen stärkten dass ich in meinem Leben danach über die grössten Probleme nur lächeln konnte. Ich löste sie einfach oder wenn sie nicht zu lösen waren, hab ich sie trotzdem belächelt und sie einfach umgangen, sie hielten mich aber nicht mehr auf.
pustekuchen (Gast) - 10. Okt, 22:50

du hast drei monate im freien geschlafen? im winter?!

Chinaski - 10. Okt, 23:17

Unter der Rubrik "Tough Stuff" findest du einige Geschichten aus der Zeit. Natürlich nur wenn sie dich interessieren.
Wortspiel - 10. Okt, 23:01

Freu dich. Wenn du dich über deinen Job ärgerst, darüber nachdenkst, ob du Werten angehören willst oder nicht, dir selbst bewusst bist, Spätburgunder und Blues nach vielen Jahren immer noch genießen kannst, zeigt das nur, dass du lebst.

Also alles im grünen Bereich.

Chinaski - 10. Okt, 23:14

Alles im grünen Bereich
Wortspiel - 10. Okt, 23:17

Das war tatsächlich ein Philosophie-Ansatz.
Chinaski - 10. Okt, 23:26

Wie weit es mit der Philosophie schon gekommen ist...
Wortspiel - 10. Okt, 23:27

An mir gemessen wohl nicht sehr weit.
blue_ocean - 11. Okt, 00:26

hab einiges gelesen, wann hast du eigentlich vor, dein eigenes buch zu schreiben? ;)


ps: it´s pustekuchen, hab mich endlich registrieren können..

Chinaski - 11. Okt, 16:28

Um ein Buch zu schreiben, muss man sich und das was man schreibt für wichtig halten oder finanzielle Ziele verfolgen. Beides trifft auf mich nicht zu.
Roxana (Gast) - 11. Okt, 12:47

Hallo chinaski,
ich konnte mal wieder hier vorbei schauen und wollte dich natürlich auch dann begrüßen. Danke nochmal für das schöne Stück. Ich vergesse nie, wenn jemand nett zu mir war:-)

CU
R.

Chinaski - 11. Okt, 16:32

Ich war doch nicht nett zu dir liebe Roxana. Ich hab dir lediglich ein Lied hochgeladen. Was hättest du gemacht wenn ich wirklich nett zu dir wäre?

;)
Sherry (Gast) - 11. Okt, 18:15

Wenn's auch scheinbar nicht hierein passt: Warum schliefst Du in Banken, wenn Du eine Wohnung hattest? Und: Was gibt Dir das Lesen?


P.S.: Balzac's geniale Schreib- und Erkenntnisorgasmen sind meistens am Ende eines Romans üblich, oder? Ich hab' nur ein Buch von ihm gelesen - und letzte Nacht die letzten Seiten über mich ergehen lassen. Sie waren so nachhaltig, dass ich davon träumte. Aber wieso kam er so geballt am Ende? Vielleicht, weil er mit erhobenem Zeigefinger schreibt. Er hatte wohl noch Hoffnung.

Chinaski - 11. Okt, 19:27

zu PS: Ich kann mich daran erinnern dass ich dir mal das Buch "Verlorene Illusionen" von Balzac empfohlen hatte. Ich denke du meinst dieses Buch.

Er war ein sehr intelligenter Beobachter. Grosse Hoffnungen hatte er nicht, aber ein bisschen Hoffnung in kurzfristigen und oberflächlichen Freuden und Verbesserungen hatte er schon. Sein Gesamtwerk hiess ja schon "Die menschliche Komödie". Er schreibt aus Beobachtungen heraus. Darin war er vielleicht der beste aller Zeiten. Für ihn war das menschliche Dasein einfach nur eine vergängliche Komödie.
Sherry (Gast) - 11. Okt, 19:48

...

Nein, ich habe "Eine Frau von dreißig Jahren" gelesen. Am Ende überschlug sich alles - und ja, wenn die Geschichte nicht so geschmerzt hätte, hätte ich sie für einen schlechten Witz gehalten. Vielleicht deshalb, weil die Darstellungen doch grotesker wirkten, als im realen Leben. Das tat er wohl, um sie zum Zwecke einer Aussage zu bündeln. Im Grunde wirkten die Konventionen & Werte, an denen viele menschliche Leben in seinen Geschichten unterlagen, wie ein von der Gesellschaft aufgebürdeter Selbstmord. Die Leidtragendsten seiner Geschichten sind eben jene, die wissen, dass sie sich mit dem Einhergehen dieser Konventionen, selbst verstümmeln und letztendlich ihren (seelischen) Qualen erliegen werden. Dennoch tragen sie ihr Kreuz einfach bis zum Schluss weiter und wissen nicht einmal wirklich warum.


Die 2. Frage blieb unbeantwortet. :)

Chinaski - 11. Okt, 19:55

Ich wollte mit meiner Freundin die damals mit mir in meinem Zimmer wohnte nicht mehr zusammenwohnen. Das sollte reichen. Als sie eine eigene Wohnung fand kam ich wieder zurück zu meinem Zimmer. Ich habe bislang die Frau weitestgehend aus meinen Geschichten herausgehalten und so wird es auch bleiben.
Chinaski - 11. Okt, 21:16

Bezüglich des Lesens:

Das lesen und die Bücher haben mir das gegeben was ich vermisste. Menschen die Intelligent waren, die mir was beibringen konnten, die vielleicht meinen Vater ersetzen konnte der auch schrieb und sehr schön sprach den ich aber nunmal nicht mehr hatte. Deshalb stand ich lange Zeit auf die moralisten, auf die gutmütigen und intelligenten Russen wie Tolstoi, Chekhov und Dostojewski. Sie Schrieben um zu lehren, um Dinge zu verbessern. Je älter ich wurde, interessierte ich mich mehr für die aroganteren Schriftsteller die du eher in der Englischen Literatur findest, ich verlor mich dann in der Romantik der Franzosen, ich lernte von jedem etwas selbst wenn ich dabei nur lernen musste dass es auch Schriftsteller gibt die vom Verstand her mir unterlegen waren aber es trotzdem geschafft hatten gelesen zu werden. Bücher sprechen zu mir und ich höre sehr gut zu.
blue_ocean - 11. Okt, 21:34

Chinaski kennst du eigentlich das buch "die mutter" von maxim gorki? lag gestern vor der bibliothek unserer stadt zusammen mit einigen anderen büchern, die sie anscheinend nicht mehr brauchten. habs mir sofort geschnappt, weil ich den namen noch von meinen eltern in erinnerung hatte.

Chinaski - 11. Okt, 21:38

Ein sehr gutes Buch. Maxim Gorki war ein verdammt guter Schreiber der im Westen deshalb wenig beachtung fand weil er ein Sozialist war. Aber man vergisst was für ein reines Herz dieser Mann hatte, wieviel er für die unteren Schichten Russlands tat, dass er sich sogar mit Lenin anlegte als er der Meinung war dass Lenin langsam von seinem Weg abkam, dass er letztenendes von Stalin erledigt wurde weil er halt ein reiner Mensch war und die Idee von Sozialismus ernster nahm als der Staatschef. Für Ihn war das eine nobele Idee, für Menschen wie Stalin war Sozialismus nur ein mittel zum Zweck. Ein Propagandamittel.

Lies es. Das ist ein absolut schönes Buch
blue_ocean - 11. Okt, 21:41

hab mich erstmal gewundert , warum das gute stück rausgeworfen wurde . naja, ein paar seiten hab ich schon gelesen :) gute nacht

Sherry (Gast) - 11. Okt, 22:32

...

Lesen bedeutet mir je nach Phase etwas Anderes: Flucht vor der Realität und einmal die Flucht in die Realität. Aber in eine unpersönliche Realität, die mich nicht direkt betrifft, aber mich aus dem Hang, mich zu isolieren, trennt, indem sie mir nicht erlaubt, abzudriften. Deshalb lese ich im Moment lieber harte Bücher oder harte Blogs. Ich kämpfe gegen meinen momentan akuten Drang, mich komplett zu isolieren und mich völlig anderen Gefilden hinzugeben. Es sind verbotene Gefilde. Deshalb die harten Schnitte durch harte Bücher. Klasse Lösung, hm? Hat aber schon einige Male in meinem kurzen Leben geklappt.


P.S.: "Auf Messers Schneide" von W. Somerset Maugham wurde soeben aufgeschlagen. Ich habe noch nie etwas davon gelesen. Bin mal gespannt.

Chinaski - 11. Okt, 22:43

Ich liebe Maugham. Der man liest sich so teilnahmslos an, er schreibt mit soviel Überlegung und Intelligenz, man liest in jeder Zeile den gesunden Menschenverstand heraus...unglaublich
Stefan (Gast) - 12. Okt, 13:30

Aufgrund eines Jobwechsels hatte ich mal das Glück, 2 Monate freigestellt zu werden, da ich zur Konkurrenz wechselte. Das waren sicher die besten 2 Monate, seitdem ich berufstätig war (immerhin jetzt auch schon 18 Jahre). Let`s face it. Arbeit dient in erster Linie dem Lebensunterhalt. Könnte ich es mir leisten, würde ich sicher kürzer treten. Ganz ohne Arbeit würde ich wohl nicht sein wollen, aber ich bin ein Freund der 4 Tage Woche, besser 3,5 Tage Woche. :) Ich brauche jedenfalls keinen Job, um mich selbst zu verwirklichen. Das kann ich auch anders.

Chinaski - 12. Okt, 17:38

Gute Einstellung. So in der Richtung denk ich auch

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