Da regt sich noch was!

Er war über 190 gross und um die 110 kilo schwer. Ein Baum von ein Kerl, 27 jahre alt und schon früh ein hervorragender Handballspieler, kurze blonde Haare, runder Kopf. Ein Italiener. Vater Neapolitaner, die Mutter Sardin.

Er war der jüngste unter den 3 Brüdern. Der mittlere ein Muttersöhnchen der so aussah als hätte er 30 jahre lang in Trance bzw. in einem Traumähnlichen Zustand verbracht. Jobs hat er geschmissen, ausbildungen abgebrochen, schon immer sehr weich gewesen. Verliebte sich am laufenden Band und blieb hängen obwohl die Frauen ihn ziemlich deutlich das Ende nahelegten. Danach nahm er immer ab, ging kaum aus dem Haus und schmiss -wie schon gesagt- Jobs. Er ist heute noch so. Die Mutter sorgt für ihn.

Der grosse Bruder hat eine Pizzeria, eine hübsche Mullatin aus den Azoren die ihm 6 Kinder gebärte, ihm aber mindestens genauso oft fremd gegangen ist. Der Mann arbeitet hart, seine Pizzen sind mit die besten, aber er ist verbittert, sein Blick is misstrauig und trüb, seine Hände zittern viel heftiger als in seinem Alter üblich. Er ist 35 jahre alt. Er bekam mal halbes Jahr auf bewehrung weil er der eigenen Frau auf offener Strasse eine runter haute weil sie ihm zum 5ten Mal und zwar vor seinen Augen fremdging. Ich kenne sie, sie ist Provokation pur. Der Mann ist mit den Nerven am ende, mitunter auch deshalb weil die Frau ja auch nicht ganz von ihm lässt. Sie kommt immer wieder zurück und er nimmt sie immer wieder auf, schläft mittlerweile auf der Couch in seiner eigenen Wohnung damit bloss die Mutter seiner 6 Kinder zufrieden ist und sie alle nicht links liegen lässt und abhaut.

Aber Enzo, der jüngste, körperlich der stabilste, er arbeitete mit mir bei der deutschen Post. Er war ein gleichgültiger kerl. Keiner hatte je ein Problem mit ihm weil er sich weder zu tief mit den leuten anfreundete noch stritt er sich aus dem tiefsten Herzen mit jemanden. Er war ein unkomplizierter typ allerdings erschien er mir immer etwas kaltherzig und zwar selbst dann wenn er lachte. Er lachte sogar oft, aber mann hatte das Gefühl der Typ würde sich an garnichts binden, er machte den Eindruck als ob er keine Probleme hätte nach 10 Jahren eine Freundschaft zu beenden und einfach mal von Null anzufangen, als wär nichts passiert, als hätte es dich nie gegeben. Ich fands gut, ich war selber teilweise so eine Kreatur. Nur ich war wohl etwas intelligenter und geschliffener, studierte, las unheimlich viel, hatte viel erlebt und hatte den Sport nie vernachlässigt. Der junge aber hatte unter den Problemen der anderen 2 Brüdern gelitten, er sah jahre lang zu wie seine italienische Eltern unter der Situation litten und wie sie Machtlos nur zuschauen konnten wie die zwei anderen Jungs ihr Leben aus dem Fenster warfen, und das ganze hatte ihn abgekühlt. Er meinte aus den Schicksalen der anderen Brüder gelernt zu haben. Er meinte die Lösung wäre den eigenen Weg zu gehen, ganz egal was passieren würde, ganz egal wer in seinem Leben eintreten und wieder austreten würde. Er war trotzdem sympathisch. Die meisten Menschen mit solch einer Einstellung sind verdammt verbitterte Typen. Irgendwann fuhren wir beide zusammen nach hause, draussen war nebelig. Wir fuhren sehr oft zusammen, er lernte mich kennen, einen Teil meiner verrückten Geschichten kannte er und er fing an sich an mich zu gewöhnen. An diesem nebeligen Tag, an dem wir einfach nur im Auto sassen und nach vorn schauten, fing er an mir folgendes zu erzählen:

"Weisst du Hank, wenn ich dir das erzähle glaubst du dass garnicht". Er sagte das, lächelte und nahm kurz seine weisse New York Yankees Baseballmütze mit der berühmt berüchtigten "NY" was vorne drauf gestickt war, strich kurz über die kurzgeschorenen Haare und setze die Mütze wieder auf, noch tiefer als vorher, fast über die Augen.

"Es gibt ein ganz altes italienisches Lied. Das haben meine Eltern gehört als ich ein Kind war. Hank, wenn ich das höre, kommen mir heute noch die Tränen."

Tränen! Bei solch einem gleichgültigen Menschen! Konnte ich mir nicht vorstellen.

"Was ist dass denn für ein Lied?"

"Ach nichts besonderes, das lied ist bestimmt 50 Jahre alt und heisst "sapore die sale" von Gino Paoli. Das lied ist leicht und irgendwie denke ich immer an der alten Heimat, Liebe und die Vergänglichkeit"

Ich hatte davon nie was gehört. Ich holte das aber nach. Gino Paoli hatte das Lied 1964 gesungen als er noch Jung und frisch war. Heute ist er ein charmanter weisshaariger alter Mann und hat seine eigene persönliche Webseite: http://www.ginopaoli.it

Das harte Leben der Familie hatte ihn doch nicht vollständig abgestumpft und verbittert. Wer bei so einem Lied weinen kann und zwar immer wieder und immer aufs neue, kann nicht ganz gleichgültig sein. Bei dem Jungen regt sich noch was.

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