Wenn ich ein zweites Leben bekäme

Jorge Luis Borges der grosse argentinische Dichter schrieb dieses kurz vor seinem Tod:

"Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte,
im nächsten Leben würde ich versuchen,
mehr Fehler zu machen.
Ich würde nicht mehr so perfekt sein wollen,
ich würde mich mehr entspannen.
Ich wäre ein bisschen verrückter,
als ich ich es gewesen bin,
ich würde viel weniger Dinge so ernst nehmen.
Ich würde nicht so gesund leben.
Ich würde mehr riskieren, würde mehr reisen,
Sonnenuntergänge betrachten, mehr bergsteigen,
mehr in Flüssen schwimmen.
Ich war einer dieser klugen Menschen,
die jede Minute ihres Lebens fruchtbar verbrachten;
freilich hatte ich auch Momente
der Freude, aber wenn ich noch einmal anfangen könnte,
würde ich versuchen, nur noch gute Augenblicke zu haben.
Falls du es noch nicht weisst, aus diesen
besteht nämlich das Leben;
nur aus Augenblicken; vergiss nicht den jetzigen.
Wenn ich noch einmal leben könnte,
würde ich von Frühlingsbeginn an
bis in den Spätherbst hinein barfuß gehen.
Und ich würde mehr mit Kindern spielen,
wenn ich das Leben noch vor mir hätte.
Aber sehen sie ... ich bin 85 Jahre alt
und ich weiss, dass
ich bald sterben werde."


Rest in peace Jorge.

Gute Nacht

creature - 24. Feb, 11:34

dazu gibts nichts mehr zu sagen, ausser ja,ja,ja, wie wahr!

Chinaski - 24. Feb, 11:48

Weisst du was das groteske ist?
Dass ich ganz genau weiss dass jedes Wort wahr ist, dass dieser Mann kurz vo r dem Tod, uns einen sehr guten Einblick darüber verschafft wie wir im Alter fühlen könnten und trotzdem ertappe ich mich immer wieder dabei dass ich kaum ein Punkt aus seiner Liste befolge.
creature - 24. Feb, 12:56

na ja, das barfußgehen zum beispiel, wo in der stadt?
da wären die füße bald voll scherben und dreck, aber ich schaffe es jedes jahr doch auf wiesen und wald ohne schuhe zu gehen, ich mag dieses geile gefühl welches bis ins becken hochsteigt wenn diese sensiblen nerven aktiviert werden, oder am fkk strand nackt in der sonne zu liegen und so herumzulaufen gibt mir ein paradiesisches, freies gefühl.

ich sehe diese aussage einfach als wichtigen gegenentwurf zum dem was uns seit jahren eingebläut wird, und zwar massiv wie eine gehirnwäsche, nämlich arbeiten, produktiv sein im sinne der wirtschaft, an morgen denken, für die pension vorsorgen und sparen, sparen.
gesund leben, kein nikotin, kein alkohol, kein fett, kein zucker, immer zur vorsorgeuntersuchung gehen es könnte ja irgendwo ein tumor wachsen.
und der augenblick, der moment, den gibts ja gar nicht, wichtig sind allein die zukünftigen ziele!
und sollte man doch vor "der zeit" sterben wird betrauert, "ach der arme, er hatte doch noch so viel vor sich".
Chinaski - 24. Feb, 13:18

Ja lassen wir das Barfuss gehen in der Stadt und mitten im Dreck beiseite, aber generell merke ich dass ich ausser Wein, der Sport, meine Bücher, die Musik, meine Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit die ich mir in Zeiten der Hinterhältigkeiten, Lügen und Profillosigkeiten... noch immer leiste, ich mich kaum an dem halte was Borges da anspricht. Ich meine man müsste noch viel mehr loslassen, viel freier leben so zu sagen als gäbe es keinen Morgen...
Übrigens find es richtig geil wenn du wirklich wie du gesagt hast, trotzdem Plätze findest wo du Barfuss gehen kannst und dies auch tust.
Ben (anonym) - 24. Feb, 16:49

Damit hat Borges schon recht. Ich mag ihn.
Das Leben besteht aus Augenblicken. Und es liegt an uns diese Augenblicke zu bekommen.

niemand (anonym) - 24. Feb, 17:21

ich denke, dass viele Menschen in diesem Bewußtsein leben, dass bald ein Ende naht und man zuvor die Augenblicke leben sollte, entspannen sollte, lächeln sollte, genießen sollte. Das geschieht heutzutage mehr als jemals zuvor. Früher hatte man keine Muße darüber nachzudenken, heute schon eher, wenn er noch leben würde (er ist 1986 gestorben) würde er uns vielleicht auf die Schultern klopfen ...
Chinaski - 24. Feb, 17:30

Das ist ein interessanter Ansatz dazu müsste man die unterschiedlichen Zeiten als auch all die Menschen die gelebt haben nebeneinander stellen und vergleichen und das können wir nicht. Sowohl damals als auch heute gab und gibt es solche und solche und ich behaupte die die das leben wirklich so genossen haben wie er es in dem Gedicht prädigte, gehörten egal zu welcher Zeit zu der absoluten Minderheit.
niemand (anonym) - 24. Feb, 17:46

"Das ist ein interessanter Ansatz dazu müsste man die unterschiedlichen ..." nein, so umständlich braucht man dies nicht zu tun. Also ich spreche in erster Linie von den Gesellschaften in den westl. Industriestaaten und da gibt es bereits Statistiken usw. z.B. steigt das Durschnittsalter der älteren Menschen immer mehr an, Bereiche wie Wellness und Sport erhielten in der letzten Zeit einen enormen Zuwachs (auch von den sogenannten Alten) und die Tendenz ist steigend, das sind für mich Indikatoren, dass es den Menschen besser geht, dass sie bewußter leben.
Früher - in den Zeiten der Kriege und natürlich in der Nachkriegszeit - ging es wirklich ums harte Überleben - heutzutage jedoch fragt man sich, wie man die Freizeit gestaltet, den Urlaub gestaltet, den Lebensabend usw.

Na denn einen schönen Lebensabend ...

Ben (anonym) - 24. Feb, 17:56

Das Durchschnittsalter steigt wohl ständig an. Ob die Menschen diese geschenkte Zeit aber auch bewusst nutzen oder einfach verstreichen lassen ist eine andere Frage.
Chinaski - 24. Feb, 18:06

So ist das Ben. Es gab Menschen früherer Generationen die zwar nicht so lange aber intensiver, liebe- bzw. freudvoller lebten. Genau das spricht der Borges ja letztenendes auch an. Es geht nicht darum wie lang die Menschen leben, es geht darum was sie daraus machen, wie viel Freude sie in der Lebenszeit sich selbst zugestehen.

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