Schuld und Strafe

"Schau ich bin schwanger, such dir einen anderen Job"

"Mir gefällt mein Job"

"Du musst mehr verdienen, wir müssen aus dieser Wohnung raus"

"Ich mag auch die Wohnung"

"Hast du fürs Kind überhaupt irgend ein Gefühl übrig?"

"Nein, ich hab für dich was übrig aber nichts fürs Kind"

"Was sollen wir machen?"

"Weiss ich nicht"

"Verdammt wie solls weiter gehen? Wie stellst du dir das ganze vor?"

"Ich weiss nicht...ich weiss es nicht"

"Ich liebe dich und ich liebe dein Kind"

"Ich liebe dich auch aber ich weiss nicht ob ich ein Kind möchte"

"Ja Aber Fakt ist doch dass ich Schwanger bin, soll ich abtreiben?"

"Willst du abtreiben?"

"Nein, willst DU dass ich abtreibe?"

"Nein, ich denke nicht"

"Also wieso machst du mir das Leben so schwer? wo ist das Problem?"

"Ich möchte kein Kind"

"Willst du mich verarschen?"

"Nein"

"Sag du mir was ich machen soll"

"Können wir alles wieder zurückspulen, du bekommst deine Tage, gehst erst gar nicht zum Frauenarzt, wir trinken, reden, ficken wie wirs immer gemacht haben? kann ich kein kind bekommen ohne dass du abtreiben musst?"

"Fühlst dich eingeengt ja?"

"Ich weiss nicht was ich fühle, ich weiss nur dass es etwas ist womit ich nie geplant hatte und wovor ich höllisch Angst habe"

"Ich erkenn dich gar nicht wieder, du hast dich durchgeschlagen und durchgesetzt, im Krieg, in der Pflegefamilie, hast dein Abi gemacht, bist ein guter Student, du hast einige grosse Raufereien ausgestanden weil du nie der Meinung warst mann müsse dem Agressor aus dem Weg gehen, du wolltest immer die Dinge beenden, bereinigen, lösen.. und jetzt sitzt du da wie ein Kind und zitterst vor dein eigenes Kind"

"Vielleicht hast du mich überschätzt, vielleicht habe ich mich selbst überschätzt, ich weiss es nicht.."

"Ok, vergessen wirs, hol dein Wein, lass uns trinken"

"Ist es nicht schlecht fürs Kind?"

"Nein ist es nicht"

4 Tage später hatte sie abgetrieben und mich für meine Unentschlossenheit bestraft. Selbst nach 10 Jahren ist dieses Schuldgefühl nicht von mir gewichen.
Ben (anonym) - 24. Feb, 18:04

Ich nehme mal an, dass Sie Dich nicht strafen wollte sondern dass Du Dich gestraft fühlst weil Du nicht entschlossen genug warst.
Das Du deswegen Schuldgefühle hast ist normal. Anders würde ich mich wundern. Aber ich denke, Sie hat noch weitaus grössere Schuldgefühle.

Chinaski - 24. Feb, 18:10

Kann sein, ich hab mit ihr nichts mehr zutun. Meine Schuldgefühle sind wie Flashes, sie kommen und verschwinden wieder, sehe ich eine Fernsehsendung die schwangere Frauen thematisiert, kommen die Gedanken aus dem Nichts wieder wobei sie auch relativ schnell wieder verschwinden.
Lange-Weile - 24. Feb, 21:33

Seifenblase

Hallo Hank,

schwierige Themen
- Schuld
- Bestrafung
- Entscheidung
und sie zeigen, wie komplex und weitreichend sie ins Leben eindringen, wenn es sich gravierend verändern soll.

Die Unsicherheit der beiden ist unübersehbar. Wie ein PingPong schwingt die Verantwortung für ein neues Leben zwischen beiden - als wäre sie eine Seifenblase. Niemand kann sie fassen. niemand kann sie halten - sie zerplatzt in dem Moment, als sie sich vor beider Augen zu einer schillernden Kugel formt.

Gruß LaWe

Chinaski - 25. Feb, 12:26

Ja so könnte man es beschreiben wobei ich fairer weise sagen muss dass sie eher gewillt und entschlossen war diese Verantwortung zu übernehmen aber sie wollte es nicht ohne mich tun was eigentlich wieder nobel ist. Es gibt genügend andere Frauen die in solch einer Situation auf dem Vater des kindes scheissen, das Kind behalten und den Vater kicken und am ende zahlt der Vater 18 Jahre lang unterhalt für ein Kind das er nicht wollte. Sie war in der Hinsicht nicht nur stärker und entschlossener als ich sondern hat mich wohl auch wirklich geliebt.
niemandin (anonym) - 24. Feb, 22:16

Das Thema ist nicht schwierig, die Frage ist, wie man mit solchen Herausforderungen umgeht. Aber offensichtlich wollte A ein Kind und B nicht - und das geht nun mal nicht, denn Kinder benötigen A und B und wenn sich A und B von vorneherein nicht im klaren darüber sind, was sie eigentlich möchten - dann ist es besser wenn es kein C gibt.
Aber wenn ich den Text lese, fällt mir auf, dass beide A und B sehr unnachgiebig waren ...

ElsaLaska - 25. Feb, 15:32

Hab den Eintrag geändert.

"Im Herzen des Menschen gibt es Winkel, die zunächst nicht bestehen, und in diese dringt das Leid ein, auf daß sie Bestand haben mögen. Léon Bloy."

Da stand mehr, aber ich hatte was Wesentliches vergessen. Das nachträglich hinschreiben wollte ich nicht, also bleibt es bei Bloy.

Chinaski - 25. Feb, 19:49

Den Eintrag habe ich lesen können bevor du ihn editieren konntest. Vergiss Bloy, was du selber am Anfang geschrieben hattest, deine eigene Gedanken waren viel schöner, hilfreicher, für mich fassbarer und logischer.
ElsaLaska - 25. Feb, 21:47

Dann ist es gut. Das freut mich.
Chinaski - 25. Feb, 22:01

Mich auch
thedarvish (anonym) - 26. Feb, 03:02

...

Ich bin oder war grade selbst in einer aehnlichen Situation. Dass du sagst nach 10 Jahren noch Schuldgefuehle zu haben macht mir ehrlich gesagt etwas Angst.

Chinaski - 26. Feb, 17:53

Keine Angst. Jeder reagiert da anders. Es gibt sogar Frauen die 6 mal abgetrieben haben und kommen mit solch einer gleichgültigen Miene zum 7ten mal dahin als ob sie mal Kurz aufs Klo gehen wollten.
flyhigher - 26. Feb, 10:52

Laut den Ausführungen (m)einer Psychologin ist es letztendlich immer die Entscheidung der Mutter, das Kind zu behalten oder abzutreiben. Das hilft dir zwar in deinen Schuldgefühlen nicht, und es soll dich auch nicht aus der Verantwortung entlassen, dass du Vater gewesen wärst.
Aber es wäre falsch festzustellen, sie hätte wegen dir abgetrieben. Sie hat entschieden, was mit dem Kind passiert.
Klingt ein bisschen entsetzlich, gell?

Chinaski - 26. Feb, 17:51

Ich weiss nicht wie es klingt. Ich weiss nur dass in Deutschland, was Kindern betrifft der Vater rechtlich so ziemlich allein gelassen wird. Es ist gut dass Frauen sich aus dem Schatten der Männer herauskatapultieren konnten, so sollte es auch sein weil ein Mensch nunmal ein Mensch ist und zwar ganz unabhängig vom Geschlecht. Aber in die andere Extreme zu fallen ist auch nicht Menschlich. Hier zeugt der Vater ein Kind und hat ab dann -was dem Kind betrifft- kaum mehr signifikante Rechte wenn er mal mit der Mutter nicht klar kommt.
Stefan (anonym) - 26. Feb, 11:30

Es gibt keinen Grund, Schiss vor einem Kind zu haben. Bei mir (damals uns) war es auch ein "Versehen". Irgendwie hatten wir doch nicht richtig im Bio-Unterricht aufgepasst. ;) Es war nicht geplant, dafür aber willkommen. Heute ist sie 16 und ich hatte und habe schon vor vielem Schiss gehabt, aber nie vor meiner Tochter.

Chinaski - 26. Feb, 17:46

Die Elsa hat mir hier etwas reingeschrieben worauf ich lauter Schuldgefühle nie kam: Viel Zeit mir über so eine wichtige Entscheidung gedanken zu machen, hatte sie mir ja nicht gelassen. 4 Tage! Ganze 4 Tage hatte ich um nachzudenken und da wars auch schon vorbei.

Side Note: Wenn man Student ist, kein Bafög bekommt, wie verrückt arbeitet um überhaupt weiterstudieren zu können, und dann von der Schwangerschaft seiner Freundin hört und dabei instinktiv kein "Schiss" bekommt bzw. keine Angst verspürt, reagiert meines Erachtens nicht normal.
Stefan (anonym) - 27. Feb, 09:10

Glaub mir, Hank. Kinder sind heute das größte Armutsrisiko. Egal ob Student ohne Bafög und diversen Nebenjobs, oder als 23jähriger Berufsanfänger mit schmalem Gehalt, wo klar ist, dass dieses Gehalt ab sofort 3 Personen zu ernähren hat und nicht sicher ist, ob der Job morgen auch noch da ist.

Wie heißt es so schön, wenn man nicht gerade Beamter ist? Wir alle sind 1 Jahr von Hartz IV entfernt. Das gilt heute sowohl für den alleinstehenden Single mit gut bezahltem Job in einer Investmentbank, wie für den Familienvater von 2 Kindern , der Alleinverdiener ist und das Häuschen abzuzahlen hat. Insofern hatte und habe ich auch noch heute jeden Tag die Hosen voll, dass jeder Tag der letzte sein könnte, wo mein Gehalt sicher ist. Aber auf der anderen Seite habe ich, warum auch immer, ein Urvertrauen, dass es meine Tochter nicht betreffen wird. Die Umstände mögen bei mir auch andere sein, aber ohne Urvertrauen könnten sie noch so gut sein, es würde nichts nützen.

Chinaski - 27. Feb, 12:48

Es geht nicht darum ob du letztenendes recht behälst oder nicht, es kann gut gehen, ist aber auch oft daneben gegangen. Es geht darum dass es einfach normal ist als einen 25 jährigen Studenten der noch nichts auf die Beine gebracht hat, etwas "schiss" zu bekommen und irritiert zu sein wenn man von heute auf morgen hört dass man vielleicht papa wird.

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