Der lautlose Engel

Es gab in der Zeit als ich auf der Strasse und in den Filialen der Dresdner Bank übernachtete auch Zeiten in denen ich über 2 Wochen mal ein Dach über den Kopf hatte. Irgendwie geriet ich an einem sehr hübschen dunkelhaarigen etwas kräftigeren Mädchen, 19 Jahre alt aber sie wirkte ziemlich Reif, sehr scheu, sehr intelligent was ich an ihren wenigen sarkastischen und ironischen Sätze und Seitenhiebe feststellte die sie ab und an an mich richtete. Diese junge Frau lebte allein in ihrer Wohnung. Ich lernte sie kennen in der Kneipe (Irish Pub) in der ich arbeitete und in der sie ab un an als Gast auftauchte.

Irgendwann ging ich wohl in besoffenem Zustand zu ihr nach hause und von da an entstand zwischen uns eine ganz besondere und wortkarge Beziehung über 2 Wochen. Sie akzeptierte mich einfach als Zimmergenossen. Sie gab mir eine Schlüssel, ich kam und ging wann ich wollte, es interessierte sie gar nicht. Für mich jedoch war sie wie ein Engel mitten im harten Winter. Sie nahm mich auf und dafür wollte sie nichts zurück, vielleicht nur ein bisschen Sex und Nähe wenn ich mal da war. Ich kam meistens sehr spät, 4 Uhr Morgens, 6 Uhr Morgens... ich stellte fest dass ich nicht mehr mit anderen Frauen schlief, ich ging direkt "nach Hause", legte mich zu ihr ins Bett, zog ihren Slip aus und tat das wonach es mir war. Mal war ich besoffen und legte ein ziemlich humorloses Program hin, mal kam ich früher Heim, schaute mit ihr Fern, kochte mit ihr zusammen das Essen, trank mit ihr Wein und befriedigte sie über Stunden und bis in den Morgengrauen... noch immer war es eine sehr wortkarge Beziehung. Sie schickte mich nie weg, sie hat mir nie was abgeschlagen, nie mir was vorenthalten. Ihr Körper gehörte mir. An den Nächten an denen ich spät nach Hause kam und ihren Körper ziemlich humorlos in Anspruch nahm, fühlte ich mich an dem nächsten Tag dermassen schlecht, dermassen Dreckig dass ich immer versuchte es wieder grade zu biegen. Sie verstand es wie keine zweite, mir Dinge zu verstehen zu geben ohne mich ansprechen zu müssen, was für ihr Alter sehr erstaunlich war. An solchen Nächten stand sie nach dem ich mit dem Job fertig war ziemlich teilnahmslos auf, ging zur Toilette und entledigte sich meines Spermas, kam zurück und lag sich wieder hin, an den Nächten hingegen an denen ich mir Zeit nahm, es ihr recht tat und sie Gefallen daran fand jedoch schlief sie mit dem Sperma in ihrer Scheide neben mir ein und gab mir damit einiges zu verstehen.

Irgendwann lernte ich eine andere Frau in der selben Kneipe kennen und verabschiedete mich von dem Engel. Sie nahm es gelassen hin, nahm mir die Wohnungsschlüssel wieder ab, verabschiedete sich mit einem Handschlag wie unter Männern und wünschte mir alles gute.

"Lass dich mal wieder blicken wenn es dir danach ist"
"'Tu ich. Danke für alles" und weg war ich.

Cleos - 22. Mrz, 20:34

Liebe im Zeitfenster.
Liebe jenseits des Kosmos.
Liebe auf Abruf.

Liebe ist nicht wiederholbar.

Es gibt keine Liebe.

Liebe ist Nähe /Liebe ist Distanz

Liebe ist Hingabe/ Liebe ist Ekel

Diese Fragmente fielen mir zu dieser gut schmeckenden Geschichte ein.
"Danke für alles"-Aber irgendwie hat sie dich auch gebraucht
in ihrem Zeitfenster.

Mir fielen spontan einige ähnliche Erlebnisse ein, die kurz und heftig waren.
LgCleos

Chinaski - 22. Mrz, 20:45

Wenn du mit "heftig", turbulent und intensiv meinst, dann wars das bei mir keines wegs der Fall. Es war eine eher ruhige, undefinierbare, dahinplätschernde Zeit.
Cleos - 22. Mrz, 21:08

Ich meinte damit "meine " Erlebnisse,sie waren heftig und hart und turbulent und leidenschaftlich.
Mich erinnerte diese Geschichte an meine Geschichte(n).

Du weißt ja nicht ob es für diesen lautlosen Engel etwas heftiges war.Denn du hast sie nie gefragt.

Mich hat diese Geschichte sehr angesprochen,da ich bizarre Begegnungen sehr lieb(t)e und diese Begegnung war für dich zumindest so einprägsam ,dass du sie ausführlich beschrieben hast.Du hast selbst das behalten des Spermas beobachtet.Das ist bemerkenswert, dafür dass es nur so dahinplätscherte. Dein Gedächtnis ist nur so genial ,ebenso deine Beobachtungsgabe, wie es deine Seele,dein Herz zuläßt.
Es war sicher mehr als nur 2 Wochen.
Chinaski - 22. Mrz, 21:19

Ach ja... mein gottverdammtes Gedächtnis...
Wenn ich es nicht hätte, könnte ich das ganze hier, das bloggen, gleich seien lassen
sillerbetrachter - 23. Mrz, 12:51

Schön, dass sie nach all der Zeit von Dir immer noch als "Engel" bezeichnet wird.

Chinaski - 23. Mrz, 16:25

Das war sie für mich damals tatsächlich. In so einer schwierigen Phase jemanden zu haben die meine seele in frieden liess, eine die auf meine Situation rücksicht nahm und fast nie was erwartete...
Das finde mal einer so leicht
Cleos - 23. Mrz, 17:31

@chinaski

vermißt du sie bisweilen?
mir geht es mit manchen menschen so ,die mehr als nur mein leben streiften. es ist wie ein gutes gericht, ein gutes bett, ein warmes herz, das man nie vergißt.
Chinaski - 23. Mrz, 18:47

Ich vermisse nicht viele Menschen um ehrlich zu sein. Das letzte mal als ich mit 14 Jahren meine Eltern verlassen musste um nach Deutschland zu kommen, da habe ich was vermisst und danach nicht mehr. Irgendwie kam ich zu dem schluss dass wenn du als Kind deine Mutter verlassen musst und es trotzdem irgendwie schaffst aufrecht zu bleiben und nicht kaputt zu gehen, dann vermisst du niemanden mehr richtig.
Cleos - 23. Mrz, 19:37

vielleicht kann man dann auch nie mehr richtig lieben, wenn man die mutter oder den vater verlassen mußte.vielleicht kann man aber gerade DESHALB richtig lieben. so sehr dass es einen zerreißt.

niemanden zu vermissen macht unabhängig.
jemanden zu vermissen macht dann abhängig? ja und nein.

es kann ein zauberhaftes gefühl sein, jemanden zu lieben und zu vermissen.
man spürt keinen schmerz mehr, man hat keinen hunger mehr, man erkennt die unwichtigkeiten nicht mehr als wichtig, man vergißt seinen namen, seinen wohnort, seine straße und seinen tod. es ist berauschend.
dieses berauschende gefühl kam bei mir in deiner geschichte an.
man vergißt die endlichkeit und auch sich selbst .
sillerbetrachter - 23. Mrz, 20:06

@hank: mein leben hat mich rückblickend gelehrt, dass merkwürdigerweise oftmals an wegkreuzungen des lebens "engel" auf einen warten. manchmal sieht man sie allerdings nicht. du hast die situation damals wahrgenommen.
Chinaski - 23. Mrz, 20:25

@Cleso: Da kann ich dir nicht widersprechen bis auf die Geschichte mit dem Vergessen!

Ich hab nie meinen Namen vergessen auch den Weg nach Hause fand ich immer wieder da konnte ich noch so sehr lieben :)
Chinaski - 23. Mrz, 20:28

@Sillerbetrachter: Das kann ich grösstenteils bestätigen weil ich überdurchschnittlich oft in Situationen war in denen meine Wege sich ständig mit denen der anderen Menschen kreuzte.
Cleos - 24. Mrz, 11:32

@chinaski

dann hast du dich nie in der liebe verloren.
manchmal denke ich, den männern fehlt das lieben-gen, das ich-verlier -mich-in-dir-gen, das liebe-ist -wie-sterben-gen, das liebe-ist-wie-atmen-gen.....usw. bevor ich mich in erinnerungen verliere...
Chinaski - 24. Mrz, 17:53

Mag sein
Lange-Weile - 23. Mrz, 18:34

so sind sie ...

...die Frauen - wenn du sie berührt - genau so :-)

Gruß LaWe

Chinaski - 23. Mrz, 18:58

Meinst du ich hab sie berührt? :)
Lange-Weile - 24. Mrz, 12:57

Ja...das meine ich :-)
Iggy - 23. Mrz, 18:35

"ihr körper gehörte mir."

ich hoffe, es war nur ihr körper, der dir gehörte. manchmal sind frauen nämlich ein wenig sentimental und interpretieren gefühle in so etwas hinein... aber so wie du sie beschrieben hast, (re)agierte sie wohl eher wie ein mann, wenn auch ein wenig passiver. gefällt mir das? why not!

Chinaski - 23. Mrz, 19:01

Ach was, nicht mal ihr Körper gehörte mir richtig, sie lieh ihn mir immer nur vorrübergehend aus.

Übrigens liebe Iggy, diese Opferrolle passt euch aber nicht so recht, dieses "die Frau wird dann irgendwann sentimental und gibt sich ganz auf..." klishee stimmt nicht ganz. Ich hab solche und solche erlebt, es gibt auch viele Frauen die eiskalt sind und mit Sentimentalitäten nichts am hut haben.
madamesauvage - 23. Mrz, 20:10

Die Art, wie Du die Situation beschreibst, gibt die Atmosphäre von damals sehr gut wieder. Ich habe fast das Gefühl, dabei gewesen zu sein.

Ich finde es wunderschön, Nähe geben und nehmen zu können, ohne dabei an Verpflichtungen oder Forderungen zu denken. Ist man unbeschwert, haben solche Situationen einen einzigartig schönen Charakter.

Chinaski - 23. Mrz, 20:31

"Ich habe fast das Gefühl, dabei gewesen zu sein."

Hmm, dunkelhaarig bist du, gut aussehen tust du auch, nur ich weiss nicht ob du etwas kräftiger gebaut bist, denn wenn das auch noch stimmen würde, dann hätte ja fast alles gepasst! ;)
madamesauvage - 23. Mrz, 20:57

Hmmm... ich hatte mit 19 allerdings noch keine eigene Wohnung, deshalb schließe ich das mal aus. Schade eigentlich.
Chinaski - 23. Mrz, 21:36

Dann schliessen wir dich mal aus und suchen weiter...
Human (anonym) - 29. Mrz, 18:48

Hallo lieber Hank,
wenn ich diesen Beitrag lese wirds mir ganz komisch! Unglaublich wie oft ich mich selbst in Dir wiederfinde.
Klingt vielleicht etwas komisch, ist aber so... :-)
Lieben Gruß
Human

Chinaski - 30. Mrz, 15:12

Ich scheine mit meinen Empfindungen ja nicht ganz allein zu sein :)
steppenhund - 30. Mrz, 23:51

Vielleicht ist das Schönste an dieser Erinnerung, dass Du sie so weitergeben kannst. In mir erzeugt dies eine sehr berührte Nachdenklichkeit.

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