Gerold - 18. Apr, 23:26

Hallo Chinaski,

ich schreibe das erste Mal in deinem Blog. Wenn ich zurückübersetze, weiß ich ungefähr, was du meinst. Nun, was soll ich sagen? Ich habe kein "Deutschgefühl" (das hat sich höchstens während der paar Wochen Weltmeisterschaft in Deutschland entfaltet), ansonsten sehe ich mein Leben auf der Welt angesiedelt.

Mir war es bisher nicht möglich, in der Welt herumzureisen. Nun habe ich einen Job, mit dem mir plötzlich alle Möglichkeiten offenstehen - und ich frage mich: "Wohin zuerst!?"

Wusstest du, dass Geschichte für Deutsche zwischen 1945 bis 1980 nicht existiert? Keine Schule lehrt das. Wie soll sich da ein Nationsgefühl bilden, zusammen mit der Erbschuld? Dass wir in den USA als "Frauen haben Achselhaare, Männer tragen Lederhosen" gesehen werden, ärgert mich zwar, aber wenn ich das erste Mal auf John Doe treffe, werde -ich- ihn eines Besseren belehren.

Deswegen sehe ich mich als Know How-Worker mit lokalem Anhang. Wo man billen kann, kann man billen. Vorurteile konnte schon jeder aufbrechen (ob Pole, Spanier, Amerikaner oder Russe) ;)

Chinaski - 18. Apr, 23:44

Hi Gerold, schön dich hier zu haben. Das sollte eigentlich kein kritischer Eintrag sein. Mir als ein Perser der hier aufgewachsen und so ziemlich herumgekommen ist, kam genau die liberale so ziemlich gleichgültige Einstellung der meisten Deutschen was das Nationale betrifft entgegen. Mein Eintrag sollte eigentlich klar machen dass die Deutschen genau das nicht sind wovon viele auf dieser Welt glauben sie seien es. Die Deutschen sind nicht die Idealbesetzung wenn z.B eine kranke Idee wie die von Herrschaft von Herrenmenschen umgesetzt werden sollte. Genau deshalb und weil sie eben von hause aus sich selbst eher kritisch betrachten als hochjubeln, waren sie nie die geeigneten und ausbeuterischen Kolonialisten obwohl sie die Macht dazu hätten sich mindestens genausoviele Kolonien wie England, Frankreich oder zumindest wie Portugal, Spanien, Niederlande oder Belgien anzueignen. Sie beschäftigen sich mit der Zeit zu sehr mit den anderen Völkern und deren Kulturen als das sie sie einfach so ausbeuten könnten. Es bestünde eher die Möglichkeit dass sie als Besatzer die Regeln der einheimischen akzeptieren und nach deren Sitten leben als andersrum!
ElsaLaska - 19. Apr, 02:06

Das stimmt natürlich nur zu einem kleinen Teil

ist aber dennoch hervorragend beobachtet.
Was die Zeit nach den 80ern oder so betrifft.
Meine Mama ist ja 33 geboren und sie wurden während des Krieges evakuiert.
Weil sie aus einer Grenzregion zu Frankreich hin stammten, peinigte man sie und spuckte die Familie - -mitsamt den kleinen Kindern - an.
Soviel zu deutschen Volksgenossen und wie sie mit ihren Landsleuten damals umgingen. Meine Mama fand dann als Mädchen ihre eigene Mutter in diesem Höllenexil (auf deutschem Boden, es war ja mitnichten ein Lager oder so was), wie sie sich aus Verzweiflung wegen der Verfemung und Quälerei dort - unterm Dach aufknüpfen wollte, den Strick schon um den Hals.
Zu all den Greueln, die damals liefen, kann man diese - Deutsche gegen Deutsche - getrost hinzuzählen, auch wenn das weniger populär ist (und ich damit nicht die anderen Opfer irgendwie relativieren will).
Nachdem ich dieses Stück Familiengeschichte gehört hatte, würde ich sehr gerne an die Deutschen mit ihren "I Love Timbuktu" - Mützen glauben, aber leider ... Kleine Mädchen, die auf Lkws stehen, frisch evakuiert aus den Grenzgebieten, und von "Inlandsdeutschen" angespuckt werden, weil sie angeblich in deren Augen halbe Franzosen und welsches Gesindel seien ... Naja.
Danke. Das hat das Bild einer ganzen deutschen Region für mich ziemlich geprägt. Es war die Mainfränkische.
Wenn du so was in der Familiengeschichte hast, theoretisierst du nicht mehr über Deutschland und die Deutschen rum.
Dann bist du für ein Europa der Regionen :)
Chinaski - 19. Apr, 20:05

Liebe Elsa, ich möchte Menschen nicht widersprechen die etwas am eigenen Leibe erfahren oder mitgekriegt haben wie ihre Familien etwas aus "first hand" erfahren haben. Dennoch kann ich dir sagen dass auch das was ich geschrieben habe ein Teil meiner eigenen Erfahrungen sind. Hier jammern viele Einwanderer wirklich Grundlos. Schau die NPD kann hier tun und machen was sie will und sie erreicht nicht mal 5%. Machen Algerier in Frankreich ein bisschen Stunk gewinnt LePen weit über 20% der Stimmen. Ich habe Angehörige in Torino die seit 30 Jahren in Italien leben und wenn ich Ihnen von den rechtlichen, gesellschaftlichen, finanziellen, bildungstechnischen Möglichkeiten erzähle die z.B mir in Deutschland zumindest nicht vorenthalten werden, da drehen sich seine Augen. Er hasst die Italiener bis auf den Grund, seine Kinder sind in Italien geboren und haben noch immer keine italienische Staatsbürgerschaft, bei Umzügen erzählt er mir immer, hätte er die grösste Angst. Die Italiener würden prinzipiell nicht gern an Ausländer vermieten und da unterscheiden sie sehr wohl zwischen einen deutschen Ausländer oder einen persischen.
Gregor Keuschnig - 20. Apr, 12:30

Geschichtsbewusstsein

Wusstest du, dass Geschichte für Deutsche zwischen 1945 bis 1980 nicht existiert?
Ist 1980 nur ein Schreibfehler und es soll 1990 sein? (Falls nicht - wie kommst Du auf 1980?)

Ich glaube auch nicht, dass dieser Satz in dieser Drastik stimmt. Die Adenauer-Politik wurde sehr wohl und ziemlich schnell eingeordnet. Und mit ihr die Vorgänge um den Mauerbau 1961. Dass dann die Konfrontation mit der jüngeren deutschen Geschichte nicht ad hoc erfolgte, hat u. a. den Grund der Zeitgenossenschaft vieler geschichtsprägender Grössen. Historische Betrachtungen brauchen einen gewissen Abstand, um ein einigermassen korrektes Urteil abzugeben.

Es ist eigentlich ein grosses Verdienst der deutschen Gesellschaft (und auch Politik), dass sie nach 1990 nicht in einen neuen Nationalismus abgedriftet ist (wie es z. B. von Grass ausgemalt wurde). Auf der politische Ebene änderte sich das merkwürdigerweise ausgerechnet mit Übernahme der Regierung durch Rot/Grün; Schröder war in vielen Dingen sehr viel nationalbewusster als Kohl.

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