Iggy - 19. Apr, 22:22

mich beeindrucken andere kulturen nicht besonders,

es sei denn sie wären ausgestorben wie die der indianer nordamerikas... ;-)
nee, das problem ist, dass wir westdeutschen (das sag ich einfach mal so, obwohl es vergangenheit ist) nie richtig mit unserer vergangenheit bekannt gemacht wurden. das war tabu in der schule. andererseits wurde einem auch nie ein nationalgefühl eingeblasen. und da stand man da im luftleeren nationalen raum, hatte aber trotzdem im Fernsehen gesehen, zu welchen verbrechen die nation einst im stande gewesen war, und es lief dann darauf hinaus, dass junge leute sagten (sagen sie immer noch): ich hab mit der ganzen scheiße nichts zu tun, weil ich da noch gar nicht auf der welt war. Ältere leute, die damals sehr wohl schon auf der welt waren, sagen: wir haben davon gar nichts gewusst. und das kann ich eigentlich nicht so richtig glauben.
Also lebten wir mit der Verdrängung, und manche lebten ganz gut in diesem ohne-nation-vakuum und ohne-schuld-vakuum. man war frei, hatte die besten absichten, war nicht gefangen in vorurteilen, war politisch relativ neutral, weil die bundeswehr ja auch gar nicht woanders mitmischen durfte. es war ein kühler staat mit kühlen emotionslosen bürgern, denen es relativ gut ging.
in der ddr war es ein wenig anders, dort hat man sehr gut abgerechnet mit den verbrechen des dritten reiches, hat sich davon offziell distanziert - und das war's dann. und ich schätze mal, man hat den bürgern der ddr doch ein wenig mehr nationalbewusstsein eingetrichtert, leider ging das dann in die hose , als die ddr am ende war und es schließlich zur wiedervereinigung kam. man versuchte gemeinsam krampfhaft, ein neues nationalbewusstsein aufzubauen, aber ich kann mich noch dran erinnern, als der damalige kanzler kohl in berlin die nationalhymne anstimmte - und ausgepfiffen wurde. damals war es verdammt uncool, solche nationalen gefühle zu zeigen. ich weiß nicht, ob es heute mittlerweile anders ist, vielleicht zu zeiten der fußballweltmeisterschaft, aber es ging ja sehr friedlich und freundlich ab - und die emotionen lagen vielleicht auch am guten wetter.
was will ich eigentlich damit sagen? vielleicht, dass die deutschen nationallos geworden sind, oder dass sie nicht mehr viel wert drauf legen, bis auf einige spinner vielleicht. ich schätze mal, den zahn hat man uns gezogen, sei es den ehemaligen westdeutschen oder den desillusionierten ehemaligen ostdeutschen.

trotzdem gibt es immer noch sehr viel seltsame elemente, und zwar in den einzelnen ländern, zum beispiel das niedersachsenlied, welches immer noch mit begeisterung gesungen wird: http://de.wikipedia.org/wiki/Niedersachsenlied#Text

das ist wirklich extrem kriegerisch, ich will aber hoffen, dass es nur eine erinnerung an die zeiten ist, als die römer das sogenannte germanien erobern wollten. hätten sie es mal getan! dann hätte es deutschland vielleicht wirklich gegeben und wäre nicht ein künstlicher zusammenschluss von dutzenden von kleinstherzogtümern und sonstigen gewesen, anfällig für rechte demagogen und kriegshetzer. so gesehen waren england und frankreich besser dran in bezug auf nationalbewusstsein, die hatten es nicht nötig, weltkriege anzuzetteln (na ja nur der zweite war angezettelt, der erste wurde wohl aus bruderschaftstreue und blödheid mitgemacht).

aber jetzt habe ich genug dummes zeug gequatscht.

Chinaski - 19. Apr, 22:42

Für mich ein absolut interessanter Eintrag, eine Mischung von Fakten und persönlichen Präferenzen. Vielleicht kann ich dazu ein paar Worte verlieren: Die Römer hatten doch Germanien schon. Gut, die rechtsrheinischen Germanen vor allem die Sachsen konnten sich lange halten aber die Linksrheinischen Germanen sowie die Südgermanen waren lange Zeit römische Provinzen. Was aber daran so verdammt unbezahlbar seien sollte ein Teil des römischen Reiches zu sein und zu bleiben kann ich in Moment nicht herauskristalisieren. Die Sache mit künstlichen Zusammenschlüssen der deutschen Herzogtümern, damit kann ich sehr wenig anfangen. Ich verstehe nicht was daran künstlich seien sollte. Jedes Land ist irgendwann zusammengeschlossen worden. Bevor die Römer sich durchsetzten und ein Imperium aufbauten, gab es in der heutigen Italien lauter kleinstämme. Italiker, Latiner, Etrusker, Griechen, Römer... ja richtig, die Römer waren nur ein ganz kleiner Stamm die irgendwann das Land zusammenschlossen und die Sprache der Latiner übernahmen und es mit der eigenen vermischten. Frankreich bestant lange zeit aus 90% germanischen Fürstentümern. Die Franken, die Burgunder, die Westgoten, die Alemanen...das ist Frankreich! In der Normandie und Bretagne waren es die wikinger die ansässisch wurden und ihre eigenen kleinen Fürstentümer hatten. Ok, auch sie haben sich irgendwann alle zusammengeschlossen. Das gleiche haben die Deutschen auch gemacht halt nur etwas später. Ich sehe da nichts verwerfliches.
Iggy - 10. Mai, 19:37

ich meine, ich hätte das schon mal gepostet,

aber es ist wohl abhanden gekommen in den wirren der twoday-unruhen... *gg*

nein, natürlich ist das nichts verwerfliches, aber das neue deutsche reich hat sich im vergleich zu frankreich sehr viel später zusammengeschlossen. und
keine fünfzig jahre später war man schon lustig im ersten weltkrieg dabei. sie sind den deutschen also nicht bekommen, die neuen nationalen gefühle. und wenn man dann noch ein paar jahre weitergeht, na ja...

das alte deutsche reich, das heilige römische reich deutscher nation, das hat sehr lange exisiert, und es war gar keine richtige nation, sondern ein, da muss ich nachlesen: aufgrund seines vor- und übernationalen charakters entwickelte es sich nie zu einem nationalstaat moderner prägung, sondern blieb ein monarchisch geführtes, ständisch geprägtes gebilde aus kaiser und reichsständen mit nur wenigen gemeinsamen reichsinstitutionen.
was immer das heißen mag...

gewisse teile germaniens wurden nach dem cherusker-aufstand aufgegeben (der übrigens nicht aus germanischen unterdrückungsgefühlen geschah, sondern weil sich ein paar germanische offiziere untergebuttert fühlten, das spricht nicht sehr für sie, gelle?), und rom machte sich nicht mehr die mühe, diese landstriche, weiß nicht ob es schon provinzen waren, zurück zu erobern, sondern zog sich hinter den später erbauten limes zurück. so in etwa muss es gewesen sein.

ansonsten finde ich die "deutsche" geschichte vor 1800 vollkommen uninteressant, zumindest wie sie uns im geschichtsunterricht präsentiert wurde. da ist die englische geschichte doch viel interessanter, könige und königinnen, die man kennt und die richtige charaktere sind...
Upps, jetzt schließt sich der kreis, denn jetzt fange ich auch schon an, andere nationen zu beneiden. ;-))
und jetzt höre ich wirklich auf, denn mit geschichte hab ich nicht viel am hut..
lg iggy
Chinaski - 10. Mai, 22:27

Wenn ich das so lese dann sehe ich mich eigentlich absolut bestätigt :)
Während ein Tony Blair in seiner abschiedsrede von einem grossartigen britischen Volk redet, während der Sarkozy nach der Wahl stolz auf dem Balkon den Leuten zulächelt und nationalistische Sätze loswird und die "Les Marseillais" stolz mitsingt, findest du so ziemlich alles uninteressant und langweilig was der deutschen Geschichte angeht. Das ist sie meines erachtens überhaupt nicht. Grade die ganz alte Geschichte der Germanen ist sehr interessant, grade die Geschichte der germanischen Stämme die erst Frankreich (=Reich der Franken) bevölkert und dann auch England (=Land der Angeln) gegründet haben ist sehr interessant. Fakt ist dass ohne die Germanische expansionsbewegungen fast ganz Europa ganz anders ausgesehen hätte. Grade die nicht so recht beachtete und kaum im rampenlicht gerückte Bewegungen der Nordischen Völker insbesondere der Germanen macht es sehr interessant. Wie kam es also dass die Germanen (Burgunder, Westgoten und Franken) die Frankreich gegründet haben sich schneller entwickeln konnten als die Germanen die noch im Heimatgebiet lebten? Wieso konnten die Sachsen und Angeln in Britanien sich so entwickeln und irgendwann eine Weltmacht werden während die Sachsen und Angeln (Friesen) in Deutschland fast in Vergessenheit geraten sind? Das sind alles -zumindest für mich- interessante Ansätze die eben wirklich ein Teil der germanischen und somit direkt der Deutschen Geschichte sind. Die Geschichte der Germanen ist die Geschichte Europas.

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