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Die Holzhütte am Meer

Ich musste 2 Kilometer laufen bis ich Menschen begegnete. Dort konnt ich dann auch einkaufen. Ich musste ein Teil des Weges auf dem Strand parallel zur Küste laufen und dann musste ich auf kleine Steinhügel klettern um dann nochmal 1 Kilometer entlang der heissen und kaum befahrenen Strasse. Es waren 45 Grad in Korsikas süden, ich hatte eine einsame Holzhütte weniger als 100 Meter vom Strand gemietet, den Mieter kannte ich nun seit 3 Jahren. Das war ein einfacher, grimmiger Korse der zu mir in den 3 Jahren die ich ihn kannte so langsam vertrauen aufbaute und am ende schon gar kein Geld mehr verlangte. Es war die Zeit der Scirocco. Der heisse Wind der aus Afrika nach norden wehte und Sardinien und Korsika jedes Jahr und für einen halben Monat unaushaltbar machte. 24 Stunden lang heisse Temperaturen, Trocken, kein Entkommen, es sei denn man flüchtete aus der Insel. Das wollt ich nicht. Ich liebte Scirocco. Ich ernährte mich vom korsischen Rosewein, von Feigen die ich selber vom Baum pflückte, vom hervorragenden französischen Reblochon, Baguette, Pfirsische und Melonen.

Ich kam mir vor wie Robinson Crusue. An den Holzwänden der Hütte liefen kleine schwarze Eidechsen hoch und runter, das Wasser war meistens ruhig und tükisgrün, nur Abends hörte ich das rauschen des Meeres und das schlagen der Wellen an den Klippen und Steinhügeln. Ich schwam den ganzen Tag, schlief am Strand ein, machte Abends Feuer, betrank mich mit Wein und schlief abermals ein. Ich las John Fante, Guy de Maupassant, ich las Gedichte von Puschkin und Lermontow und began zu schreiben und zwar immer dann wenn ich endgültig besoffen war. Es klappte. Ich schrieb hemmungslos ohne mich zu korrigieren, ich schrieb und schrieb, und am nächsten Morgen las ich die Geschichten wieder und ich konnte es nicht glauben dass ich es war der das alles geschrieben hatte. Es war so als hätte jemand die ganze Nacht unter Fieber gestanden und pausenlos geschrieben. Immer wenn ich Sex brauchte fuhr ich per Anhalter nach Ajaccio, suchte mir irgendeinen gemütlichen Cafe am Hafen wo meines Erachtens schöne Frauen anwesend waren, ass Fisch, fing an zu trinken und nicht selten bekam ich was ich gesucht hatte. 5 Wochen meines Lebens hab ich in völliger Ruhe und Freiheit verbracht, eines abends als ich völlig besoffen schrieb, fing ich an über mich selbst zu lachen und mich selbst zu beschimpfen, so heftig dass mir die Tränen kamen. Einmal onanierte ich um 3 Uhr morgens, vor meiner kleinen Tür mit freiem Blick richtung Meer und fühlte mich prächtig danach. Der Scirocco blies unablässig, Tag und Nacht und manchmal war meine Matratze voller Sand, es gab Nächte in denen der heisse Wind durch die ritze der Holzhütte blies und pfiff, so dass es eine unheimliche Atmosphäre aufkam, meine Sinne schärften sich, ich blies die Kerzen aus und machte die Öllampe aus, legte mich hin. Ich konnte den Wein riechen weil die leeren Weinflaschen sich in der einen Ecke der Hütte angesammelt hatten...aber im Hintergrund hörte ich noch die Grillen und die Wellen und es beruhigte mich wieder...

sillerbetrachter - 2. Aug, 14:30

Du Glückspilz! Das hört sich nach einer wirklich unbeschwerten, tollen Zeit an. :)
Gibt es von diesen Geschichten eine Leseprobe?

Chinaski - 2. Aug, 15:22

Wenn du die Geschichten meinst die ich damals geschrieben habe, dann muss ich sagen es ist schon ein paar jährchen her und ich weiss nicht wo ich das Heft hingetan habe, ich weiss aber dass ich es noch habe...vielleicht irgendwo im Keller...
sillerbetrachter - 2. Aug, 19:06

Ich hatte auch viele Jahre ein Büchlein mit alten Gedichten und Liedern von mir. Irgendwann habe ich beschlossen, sie wegzuschmeißen. Nicht, weil sie mir nicht mehr gefallen hätten. Einfach, weil ich dachte, dass die Gegenwart genug Lieder und Gedichte bereithält.
Chinaski - 2. Aug, 19:18

Ich kann solche Dinge nie wegschmeissen. Ich kann mich z.B noch gut daran erinnern dass ich ungefähr mit 20 anfing Pablo Nerudas Gedichte zu lesen und gleichzeitig began ich zu schreiben und versuchte dabei ihn nachzumachen, sein Stil mir zu eigen zu machen. Jahre später las ich diese Gedichte und während ich las hatte ich durchweg ein lächeln auf die lippen. Ich wunderte mich darüber wie mein 20 jähriges Hirn Neruda verstanden hatte und wie unterschiedlich ich heute über Neruda und sein Werk denken würde...

Nichts erstaunt einen mehr als die Dokumentation der eigenen Entwicklung über die Jahre.
Lange-Weile - 2. Aug, 19:49

hohe Sensibilität

Hallo Hank,

die Abgeschiedenheit und extreme Wärme brachte deinen Schreibfluß auf Hochtouren. Das ist - so finde ich - eine besonders schöne Zeit im Leben. Das Eigenleben sprudelnd erleben zu können. Der Alkohol - naja - aber mir schmeckte der Wein von Jahren auch - gibt mehr von unbewußten frei, das verstärkt den Sprudel.

Jack Kerouac soll in Unterwegs im Anfall eines Schreibsturm in einem Zuge geschrieben haben.

Danke für deinen stimmungsvollen Rückblick in deine Vergangenheit

Gruß LaWe

Chinaski - 2. Aug, 20:27

Es ist wohl genauso gewesen wie du es analysiert hast liebe LaWe. Über Keruac...was soll ich sagen, ich konnte mich nie dazu durchringen ihn zu lesen während ich Bukowski und Fante immer wieder genossen habe...
blogger.de:kittykoma - 2. Aug, 21:51

chinaski, ich mag ihr blog. very macho, grade deshalb.

Chinaski - 3. Aug, 17:02

Stehst du auf Machogehabe? Ich stehe eher auf Ehrlichkeit, Intelligenz und Unbekümmertheit.
Ansuzz - 3. Aug, 11:54

Ich habe ein Bild vor Augen. Es faziniert und erschreckt mich gleichermaßen. Seelenflecken. *lächelt*

Chinaski - 3. Aug, 17:02

Wovon genau hast du denn ein Bild vor Augen?
:)
Ansuzz - 3. Aug, 17:49

Es ist eher, was es ausstrahlt: Wild, obsessiv, besinnunglos, leidenschaftlich, abgründig, sinnlos, sinnvoll, dunkel, bedrohlich, lodernd, tief, liebend, hassend, klar, psychotisch, frei, abhängig, suchend, findend, verwirrt, offen.
Chinaski - 3. Aug, 18:00

Exzellent!
tschapperl - 3. Aug, 23:12

Whow! Intensiver und dichter kann eine Kurzgeschichte wohl nicht mehr geschrieben werden. Hat etwas von E. Hemingway.
Fühle mich beim Lesen fast wie in den frühen 80ern, als ich einmal in der Nähe von Ile Rousse eine Woche wild am Strand kampiert habe. Mit Freundin und nicht ganz so ausschweifend, aber die Ernährung war diegleiche.

Chinaski - 4. Aug, 14:11

Hemingway?...hmm, Hemingway war gut, viele mögen ihn nicht weil er grausame Themen ansprach und seine Geschichten selten gut ausgingen aber der Mann war ein extrem talentierter Schreiber...willst du sagen ich wär ein extrem talentierter schreiber? :)
wasserfrau - 4. Aug, 13:56

von einer solchen hütte habe ich stets geträumt... ich glaube du machst viel von dem, was ich immer nur erträume... allein dafür schon meinen herzlichen glückwunsch.

Chinaski - 4. Aug, 14:09

Du meinst ich hab mal das gemacht wovon du träumst. Diese Geschichte ist ungefähr 12 Jahre alt, heute hätte ich die Zeit dazu nicht und auch die Motivation zu solch einer exzessiven Tripps hält sich in Grenzen...heute ist der Hank mit kurztrips in die Wallonie auch zufrieden...
Iggy - 4. Aug, 18:29

die totale freiheit, sie bewirkt vieles, auch gutes schreiben. kann aber auch am saufen liegen. *lach*

und hemingway mag ich eigentlich nicht, weil zu viele krankenschwestern und zuviele hilfsverben... und hey, ich bin nicht außer der welt, ich bin nur daneben, ich bin auch kein schmeichler, aber das gefällt mir!

Chinaski - 4. Aug, 19:57

Ich hab Hemingway immer gemocht, trotz all die Hilfsverben und trotz oder grade wegen die Krankenschwestern :-)

Wie auch immer, schön dass es dir gefallen hat
Daniela1 - 4. Aug, 19:43

Freiheit

Bin jetzt schon zum dritten Mal hier um diese Geschichte zu lesen.
Die lebt richtig!

Chinaski - 4. Aug, 19:59

Tut mir leid, war nicht mein Absicht dich mit dem Unsinn unnötig zu belasten!

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