Ich stelle nur fest!
Wie dem auch sei, ich bin einer der nur noch feststellt. Ich stelle die Welt fest. Die sagen mir mach das also tu ich das, die sagen ab morgen fährst du nur noch mit so und soviel Promile, ich sage jawohl. Die sagen ab nächsten Monat müsst ihr für euer Geld noch dies und jenes dazu leisten, ich sage "klar chef", die sagen du sollst froh sein dass du überhaupt in dieser Lage bist, Geld verdienst und gar nicht mal so schlecht lebst, ich sage "klar, du hast recht". Die sagen ab morgen zahlst du 3 euro fürs Liter Benzin ich sage "kein Problem, geht noch". Die sagen deine Eltern bekommen kein visum mehr um dich zu besuchen obwohl sie schon 6 mal hier waren, ich sage gar nichts und nehm es hin. Ich stelle nur fest.
Ich stelle zum Beispiel fest dass die Menschen heute sehr wohl lieben können aber nur noch einen einzigen Person. Ich stelle fest dass die Menschen sich in einer einzigen Person verlieben, bereit sind für sie oder ihn alles zu tun, sie sind zuvorkommend, höflich, passioniert, rücksichtsvoll aber die selben Menschen sind die grausamsten wenn sie es mit anderen Menschen zutun bekommen. Ich hatte mal in einer Telekommunikationsfirma einen Chef der war wie Zucker wenn er mal mit seiner Frau oder mit seinen eigenen Kindern sprach. Er liess seine Bürotür immer offen, wollte eine auf Weltmännisch und modern tun. Ach wie er seine Frau vergötterte, hatte ein Bild seiner kleinen Familie eingerahmt und auf dem Tisch gestellt. Ein beeindruckender Tisch.
Der selbe Typ aber hatte kein verständniss für die familiären Angelegenheiten und Schwierigkeiten seiner Untertanen. Knallhart und eiskalt schlug er ein eintägiges Urlaubsgesuch eines Kollegen ab als er sein krankes Kind nach Karlsruhe in die Klinik fahren musste. Ein Geschäftstermin stand an und der Chef rechnete fest mit ihm, er wollte dass er mit am Tisch sass. Eine gute Mitarbeiterin wurde regelrecht rausgemobbt bzw. rausgeekelt als sie Schwanger wurde und ein Kind bekam und anfing hier und da mal frei zu nehmen. Sie war untragbar geworden. Aber den Chef müsstet ihr am Telefon anhören wenn die eigene Frau anrief und er seine Kinder am Apparat hatte!
Ich habe rüpelhafte Gestallten erlebt die alles innerhalb einer Minute wegen nichts und wieder nichts kurz und klein geschlagen hätten, die aber ihre Frauen und Freundinnen mit "Mäuschen" und "Schätzchen" ansprachen, sich nie im Ton vergriffen, nie die Stimme hoben und immer Flexibel auf die wünsche ihrer geliebten eingingen und sich auf sie einstellten.
Ich bin mir ziemlich sicher wenn man das alles etwas ausdehnen könnte und nur ein zehntel dieser feinen Gefühle den anderen Mitmenschen die man nunmal nicht kennt entgegen bringen würde, hätten wir sowas ähnliches wie Paradies auf Erden. Wenn man nur nicht alle anderen als die Personen die mit einen unter einem Dach leben als "fremde Tiere" betrachten würde.
Aber ich stelle ja nur fest. Zu mehr bin ich nicht in der Lage, zu mehr bin ich nicht berechtigt. Zu mehr hab ich keine Kraft.



Wider die Atomisierung der Ohnmächtigen
Du hast da ein interessantes Blog, auf das ich seit heute auch verlinke, weil mir Deine Analysen meiner Landsleute schon wirklich sehr zusagen. Dass sie nach dem Fähnchentaumel, wieder über sich herfallen würden, dass sie viel zu feige sind für eine Revolution, und das seit Jahrhunderten, und selbst wenn mal eine Revolution unausweichlich war oder das alte System zusammengebrochen war, wie 1848, 1918 oder 1989 wurden ihre Errungenschaften schon sehr bald wieder von der Obrigkeit kassiert. es ist wirklich kein Zufall, dass Heinrich Mann den Untertan schrieb, nein Deine Analysen sind schon gnadenlos und treffend. Auch ich habe die Franzosen oft beneidet, ob ihres Mutes und ihres Zusammenhaltes, ihrer gelebten Solidarität.
Als ich in meiner Jugend zusammen mit meinem Vater, einem Arbeiter eines großen deutschen Autoherstellers, eine Dokumentation über den Pariser 1. Mai 1968 anschaute, und zu meiner Verwunderung bemerkte, dass das in Frankreich etwas anders ablief als in Deutschland, fragte ich ihn nach Rudi Dutschke und seiner Einstellung zu den Studenten von '68." WIR hätten ihn (Dutschke) tot geschlagen, wenn wir ihn erwischt hätten." (Allerdings hat er mir auch geraten "Schuld und Sühne" zu lesen, wofür ich ihm dankbar bin, überhaupt dass er mich für Literatur begeistert hat, war schon ein großes Verdienst von ihm. Er war halt ein verbohrter Deutscher, sozialisiert in einer furchtbaren Zeit der menschlichen Geschichte, aber er war kein schlechter Mensch und zum Ende seines Lebens hat er sich auch geöffnet.)
Es war also kein Wunder, dass ich ein Linker wurde, noch heute bin, es war die logische Konsequenz meiner Sozialisation.
So ein Gefühl, wie Du es in Deinem Beitrag heute schilderst: Nur noch festzustellen, den Irrsinn nur noch zu registrieren, die Schläge einfach nur hinzunehmen, sich nur noch als solitärer Betrachter zu behaupten, ohne wirklich Hoffnung zu haben, dass sich jemals etwas ändern wird, das kann ich sehr gut nachvollziehen.
Ich habe dann damals 2003 eine Website programmiert, in ganz einfachem HTML, (Bloggen wollte ich damals noch nicht), gab ihr den Titel "Betrachter" und fing an den Irrsinn einfach nur noch zu protokollieren, während mich eine völlige Isolation umfing.
http://www.buchheimnet.de/Isaiah/Epilog.html
mit Einträgen wie diesem:
[65]: "Die iranisch-kanadische Fotojournalistin Kasemi stirbt in iranischer Haft nachdem sie vorher ins Koma geschlagen oder getreten wurde."
Politik als eine Schmierenkomödie der Mächtigen, auch die Hohlfloskeln, die sie jetzt wieder bei der G8 in Japan absondern, dürfen getrost belächelt werden.
Aber irgendwann, nach vielen Kämpfen, legalen und illegalen, kehrte die Hoffnung zu mir zurück und die Erkenntnis, zwar "nichts zu sagen zu haben", aber viel zu erzählen.
Vor allem aber, haben wir ein neues Medium zur Hand, das zwar noch gnadenlos überschätzt wird, das zweifellos jedoch das Potential in sich trägt unsere Atomisierung zu durchbrechen und den Mächtigen das Fürchten zu lehren, indem wir uns organisieren.