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Stille Traurigkeit

Er kam an. Die elektrische Schiebetür der Wartehalle des frankfurter Flughafen ging mal wieder auf und ich sah den alten Mann den ich erwartet hatte, mit seinen weissen Haaren, mit der dunkelbraunen Anzug und einer beigefarbenen Pullover. Er schaute in die Menge während er seinen Wagen mit 2 grossen Koffer vor sich hin schob. Seine Augen waren aufgerissen, er strich sich ein paar Strähnen von den mittlerweile dünner gewordenen Haaren aus dem Gesicht, er sah nervös, etwas befremdet aus, dann sah er mich und fing an zu weinen und hunderte schauten zu. Dieser Mann war mein Vater, der Mann der mich als ich noch ein Kind war aus dem Land geschafft hatte damit ich am Leben bleiben konnte und damit ich nicht mehr zum Krieg musste. Mittlerweile war ich 23 und er hatte mich 8 jahre Lang nicht gesehen, er hatte es verpasst zu beobachten wie sein Kind heranwächst wie er zum jungen Mann wurde. Meine Lippen fingen an zu zittern, mein Gesicht glühte, ich presste die Lippen aufeinander um die Fassung nicht zu verlieren. Ich konnte es nicht. Auch ich fing an zu weinen obwohl ich dachte dass ich es als Folge meiner jahrelangen Abstumpfung womöglich nicht hätte tun können aber ich konnte. Ich merkte dass selbst wenn ich es unbedingt hätte verhindern wollen, wäre ich nicht in der Lage gewesen dies zu tun.

Tage später an einen nebeligen Tag sass ich mit meinem Vater an einen kleinen Teich voller Schwanen wo eine grosse Anzahl von Tauben sich um den Teich niedergelassen hatten. Wir hatten vorher Brot gekauft und auf den Weg zurück zu meiner Wohnung spazierten wir durch einen schönen und sehr grünen Park. Mein Vater liebte Blumen und Bäume mehr als Menschen, er meinte sie würden ausser Schönheit nichts zurückgeben das wäre bei den Menschen nicht der Fall.

Als wir uns auf eine Bank am Teich hinsetzen wollten mussten wir durch die Taubenmenge durch. Ausser zwei drei Tauben die wegflogen blieb der Rest aber am Boden und lief lediglich zur Seite um von uns nicht niedergetrampelt zu werden. Mein Vater war erstaunt: "Weisst du Hank, das ist auch ein Zeichen der grossen Unterschiede die zwischen den verschiedenen Kulturen bestehen. Es kommt nicht von Ungefähr dass diese Tauben vor Menschen nicht wegfliegen. Bei uns im Iran erkennen die Tauben die Menschen auf 500 Meter entfernung und fliegen hektisch weg weil sie bei uns einfach gequält werden, sie werden von den Dächern abgeschossen, die Menschen treten nach ihnen... Die Tauben hier sind es gewöhnt in ruhe gelassen zu werden, die Menschen hier gestehen Ihnen ein Lebensraum zu and akzeptieren sie neben sich also gewöhnen sich diese Tiere an die Menschen weil sie keine Gefahr wittern. Da wächst selbst bei einer Taube ein gewisses Vertrauen in die Umgebung. Bei uns lassen sie ja nicht mal die Menschen in ruhe geschweige denn Tauben."

Ich sagte nichts aber ich bewunderte meinen Vater für seine Auffassungsgabe, Tiefsinnigkeit und seine absolute Menschlichkeit. Er hatte recht.

Ennio Morricone - Chi Mai

Human (Gast) - 14. Jul, 20:06

Na Super. Mir kommen gerade die Tränen... *kuller kuller*
Sehr schön wie Du das beschreibst...!

Du bist vielleicht einer, echt! :-)

Lieben Gruß
Human

PS: Übermorgen werde ich mich auf dem Weg machen. Dieser Aufenthalt wird sechs Wochen dauern. Vielleicht kannst Du mir, wenn ich dann dort bin, ein paar Tipps geben, wo es schön ist usw.

Chinaski - 14. Jul, 20:41

Viel Spass dort. Du kriegst es schon alleine hin. Der Iran ist ja was die Landschaft angeht eines der vielfälltigsten und schönsten Länder der Welt ganz egal in welcher Richtung du fährst du wirst schöne Landschaften und Naturszenen zu sehen bekommen.

Gruss :)
creature - 14. Jul, 20:27

dein vater scheint nicht nur zutiefst menschlich zu sein, er ist auch sehr weise und respektiert die wesen der schöpfung, großartig!
ich finde auch bei uns sollte es viel mehr solcher menschen geben.

Chinaski - 14. Jul, 20:44

Die gibt es hier auch, nur sie bloggen nicht oder es wird über sie nicht gebloggt.
Mein Vater ist mein alles. Seine Geschichte und meine nur am Rande und untergeordnet würde hier in Deutschland ein Bestseller werden.
Iggy - 15. Jul, 07:29

dann schreib sie doch, die geschichte, egal ob es nun ein bestseller wird oder nicht. denn es ist nicht schlecht, wenn man eine aufgabe hat...
tolles winterbild übrigens!
Chinaski - 15. Jul, 17:47

Vielleicht mach ich das... vielleicht find ich irgendwann einen zugänglichen und kooperativen Verlag für Erstautoren der mich nicht zusehr stresst.
Human (Gast) - 14. Jul, 22:28

:-)

Da hast Du auch wieder recht.

oops - 14. Jul, 23:27

ja

einfach
wahr

Sherry (Gast) - 15. Jul, 14:40

Wunderschön, Hormoz. Ich mag Deinen Papa... Und ich habe eine Gemeinsamkeit zwischen uns gefunden, die nicht identischer hätte sein können. Dein Satz traf mich wie ein Pfeil: "Mein Vater ist mein alles."

Ich hoffe, Ihr werdet noch viele, innige Stunden miteinander verleben...

Chinaski - 15. Jul, 17:49

Ich hab ihn vor einen Monat besucht. Das war wieder mal herrlich ihn in die Arme nehmen zu können.
nanou - 15. Jul, 14:56

Für Sie ganz leise: ergreifender Text, wunderbare Musik, stilles Bild.

Chinaski - 15. Jul, 18:09

Laut genug!

Danke
nanou - 16. Jul, 21:22

Sehr gerne.
Ich will Ihnen nicht um den Bart gehen,
aber dieses Schneebild da oben ...,
sind Sie ein Bilderzauberer?
Ich glaube fast ...

Chinaski - 16. Jul, 21:35

Ausser einen Dreitagebart hab ich nichts worum du gehen könntest. Das kommt dort oft vor dass eine 17 Mio. Metropole so mir nichts dir nichts von Nebel und Wolken zugedeckt wird. Wenn man oben auf dem Berg steht dann befindet man sich sogar über die niedrige Wolkendecke und kann auf Teheran hinunterschauen und dennoch ausser eine weisse Decke nichts sehen.
nanou - 17. Jul, 19:11

Auch ein Drei-Tages-Bart kann es in sich haben...
Aber zurück zu meiner Frage: Duzen sich bei Ihnen alle? ( Dann wäre ich da fehl am Platz...)

Chinaski - 17. Jul, 19:42

Ja bei mir dutzen sich soweit ich weiss alle. Ich persönlich mag das siezen beim bloggen nicht; es macht auf mich einen aufgesetzten Eindruck. Du kannst natürlich so verfahren wie es dir lieb ist und bist trotzdem ganz herzlich willkommen hier.
Köppnick - 20. Jul, 15:33

Diese Zutraulichkeit von Tieren kann man auch auf Galapagos beobachten. Da laufen einem kleine Vögel zwischen den Beinen herum, Echsen lassen sich am Schwanz ziehen, man kann zwischen Seerobbengruppen hindurchlaufen. Die einzigen Tiere auf Galapagos, die einen großen Abstand wahren, sind Flamingos - weil sie nicht endemisch sind, sondern immer nur auf der Durchreise von woanders.

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