Ich verliess Bastia richtung Ajaccio also gen Süden.
Ich kam in der Nacht an. Mein Fahrer war ein blonder und mächtiger Sarde. Sardinien ist die südliche Nachbarinsel Korsikas die noch zu Italien gehört während die Franzosen Korsika den Italienern irgendwann abkauften. Ich stiess auf ihn als er anhielt um mich mitzunehmen. Ich hatte den Daumen in die Luft gehalten. Er Carlo Pizzo, erzählte davon dass viele Sarden nach Korsika kommen würden um zu arbeiten und ich dachte mir wie Arm denn Sardinien seien muss wenn die Menschen nach Korsika kommen müssen um Arbeit zu finden! Grade nach Korsika wo die Korsen doch scharenweise richtung französischem Festland flüchteten um vielleicht dort eine Existenz aufbauen zu können.
Ich kam in Ajaccio also an und selbst in der Nacht hatten wir 35 Grad und der Platz gegenüber dem Hafen war traumhaft hübsch. Die alten Strassenlaternen und die Lichter die hinter den Palmen versteckt waren und sich trotzdem durchschlugen, die salzige und leichte Meeresluft, die geschlossenen aber malerischen Strassencafes und Fischrestaurants, die kleinen und hübschen Privatboote, die leichten Wassergeräuche...Ich schlief auf einer Bank ein und ich schlief verdammt gut.
Am nächsten Morgen weckten mich die geräusche der Seevögel. Ein wunderschöner Morgen. Ich lungerte durch die Strassen, ging zu einer Filiale der Deutschen oder Dresdner Bank (bin ich mir nicht sicher) und probierte ob ich geld abheben konnte. Perfekt! Es ging und ich musste nicht mal mehr Gebühren zahlen als wenn in Deutschland von einer fremden Bank geldabheben würde. Ich hob nicht ab weil ich 500 Euro dabei hatte.
Den Tag verbrachte ich in ruhe. Ich war glücklich, das wetter war gut, die Frauen sahen gut aus, von fast jeder Ecke dieser Stadt hatte man ein Blick aufs Meer und ich besuchte die riesige Statue Napoleons. Der Tag verging problemlos und relaxed, ich kaufte mir einen herrlichen französischen Käse namens
"Reblochon" und eine gut gekühlte Flasche korsischen Roseweins und ein Baguette das ich mir in scheiben schneiden liess. Damit ging ich dorthin wo die Boote und Strassenrestaurants waren und sass mich auf einer Bank. Ich ass genüsslich und ich fühlte mich Satt und sehr Glücklich. Seitdem ich diesen Käse und den guten korsischen Rose entdeckte, avancierten sie in Kombination, zu meinem lieblingsmenü sobald ich die Insel betrat.
Wir nährten uns dem Abend und der Himmel wurde seltsam Orangefarben. Ein sehr intensives Orange und irgendwann merkte ich dass es grade dann wo sich das Verkehr etwas entspannen müsste, die Strassen begannen mit Autos überflutet zu werden. Ich konnte es nicht verstehen aber ich fragte nach und ein alter Mann erzählte mir Stolz von einer berühmten korsischen Band die heute abend ein Openair Konzert veranstalten würde.
"Imuvrini" so hiess die Band.
Nichts wie hin dachte ich mir. Ich machte mir eine weitere Roseflasche auf die übrigens nicht mehr so kalt war da ich sie in meinem Rücksack und schon einige Stunden lang mit mir rumgetragen hatte. Mir gings gut, ich fühlte mich stark und befreit, ich war angetrunken und hatte nun die möglichkeit zufällig etwas kulturell hochwertiges zu erleben. Imuvrini, hinterher erfuhr ich dass die Korsen diese Band vergöttern würden.
Die Menge war unglaublich, sie tobten und kreichten. Die Band sang ausschliesslich auf korsisch und ich war zu weit weg vom Geschehen um sie richtig erkennen zu können. Die Bühnenlichter blendeten mich aber ich war der König der Nacht, ich trank noch immer Rose...
Irgendwann um ca. 2 Uhr morgens, war die vorstellung zu ende und mir wurde langsam klar dass ich mir eine Bleibe suchen musste. Ich lief eine weile mit der Menge raus aus dem Park richtung Wasser. Dort waren die Strassenlichter Orangefarben und ich fühlte mich langsam aber sicher immer einsamer. Die Menge hatte eine Zuhause und ich nicht. Die Hauptstrasse um Ajaccio herum war an einigen Stellen um fast 5 Meter höher als das Wasser. Ich stand also oben auf der Fussgängerzone und schaute aufs dunkele Meer hinaus als ich nach unten schaute und mir ein Gedanke durch den Kopf schoss. Klar, ich könnte doch eigentlich auch dort unten auf dem Sand direkt am Wasser schlafen. Ich tat es. Ich nahm die Treppen runter richtung Wasser, legte meinen Rücksack ab und sass mich hin. Nach ner weile kam ein anderer noch dazu, ein blonder Deutscher der wohl die selben Gedanken bzw. die selben Probleme hatte wie ich. Er telefonierte mit irgend jemanden und sprach deutsch. Ich tat so als würde ich ihn nicht verstehen und legte mich hin und benutzte meinen Rücksack als ein Kissen. Binnen 2 Minuten schlief ich tief ein.
Am nächsten Morgen wurde ich ganz unsanft geweckt.
"Verdammmmmte Scheeeeise, verflucht nochmal. Dreckschweine..."
Der deutsche war am fluchen und trat ins Wasser, fluchte nochmal und trat wieder ins Wasser.
Noch nicht richtig wach, vergass ich dass der man nicht wissen konnte dass ich deutsch sprach und fragte ihn was denn nun los wäre.
"Ach du sprichst deutsch? Ich dachte du wärst ein korse"
"Ne ich bin weder ein deutscher noch ein Korse, aber jetzt sag mir was mit dir los ist? Wieso schreist du hier rum?"
"Mir haben sie gestern alles geklaut!"
"Wie alles geklaut?"
"Ja alles was wichtig ist. Passport, 1300 Euro, Handy, Führerschein"
"Ja aber wer kann das gewesen sein?" schon wurde es mir mulmig. Ich war nämlich nicht sicher ob bei mir noch alles da war. Ich hatte 500 Euro bei mir.
"Ich verdammtes Arschloch, ich hätte es auch so machen müssen wie du. Ich hab nämlich im Schlafsack geschlafen und meinen Rücksack über dem Kopf hingestellt. Ich hätte wie du, den Rücksack als Kissen benutzen sollen...scheisse mensch"
Er hatte leider recht. Der rafinierte Dieb hatte sich an ihn herangeschlichen und den Rücksack mitnehmen lassen. Bei mir hatte er wahrscheinlich auch nachgeschaut aber nichts gefunden als eine leere Roseflasche die da rumlag.
Wir gingen zu der Polizeistation am Hafen und erstaunlicherweise hatten sie schon was für den Mann aus Ratingen! Die Diebe hatten zumindest soviel Anstand den Passport und den Führerschein auf dem Tisch eines Fischrestaurants zu werfen worauf der Kellner sie gleich an sich genommen und die Polizei benachrichtigte.
Histoires du sud (1)